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Hesje Høy - the real norwegian experience

 

Das Leben mit Pferden besteht aus vielen Aspekten mehr, als nur die Lektion auf dem Reitplatz zu erarbeiten. Reitkunst ist, neben der durchdachten Gymnastizierung des Pferdes, für mich auch Traditionspflege.

 

Bei vielen Dingen, die so selbstverständlich sind in unserem täglichen Leben, bemerken wir den Stellenwert erst bei Abwesenheit. Bei gutem Grundfutter zum Beispiel. Gutes Raufutter ist insgesamt so ein Thema für sich. Die Meinungen dazu, was gutes Pferdefutter ist, sind dabei sicherlich so verschieden wie es Pferdebesitzer gibt. Für meine Pferde wünsche ich mir, dass ich reichlich füttern kann, um lange Futterpausen zu vermeiden. Trotzdem möchte ich natürlich, dass meine Pferde nicht aussehen wie rollende Tonnen. Eine besondere Herausforderung, wenn kein Zugriff auf Futterstroh besteht. Jenseits des Polarkreises sind die klimatischen Bedingungen eben anders. In Plastik verpackt, also Heulage oder Silage, sind für mich ebenfalls keine Option. Ich habe -leider – schon genug Pferde mit Botulismus verenden sehen. Dazu kommt, dass ich mich bemühe, mein Leben so Plastikfrei und Ressourcenfreundlich wie möglich zu gestalten. Dann hole ich es mir sicher so nicht wieder in den Stall. 

 

Was ist also die Alternative? Idealerweise wünsche ich mir langfaseriges Heu, zuckerarm, spät geschnitten, von artenreichen Wiesen. Das bringt uns zurück zu der Sache mit der Tradition. Wie wurden hier den über den Winter die Tiere versorgt, bevor wir Rundballen in Plastik packen konnten oder Gras maschinell getrocknet wurde. Hesje heißt des Rätsels Lösung. Vielleicht hast Du das selbst schon mal gesehen, oder die Großeltern haben davon erzählt. Auch in anderen Regionen gab es diese Tradition, bevor es Traktoren mit Rundballenpressen gab. Hesje ist die Kunst, das geschnittene Gras auf langen Leinen aufzuhängen und zu trocknen. Das funktioniert so:

 

 

1.    Zuerst wird das Gras geschnitten. Traditionell mit einer Handsense, später mit einem Pferdegespann. An der Sache mit dem Pferdegespann zum Mähen arbeite ich noch – vielleicht kann das im nächsten Jahr funktionieren.

 

2.   Die Hesje wird aufgebaut. Zwischen einem Anfangs- und einem Endstab werden im ca. 2 Meter Abstand Holzstäbe von ca. 1,70 Höhe in den Boden gerammt, in unserer Region oft aus Birke. Diese werden mit Draht oder Holzstäben verbunden, und mit einer Wickeltechnik stabilisiert. Wir haben Draht genommen.

 

3.   Das nasse Grass wird zusammen gerecht.

 

4.   Ist das Gras zu kurz oder zu feucht, wird das Gras gekämmt. Damit ist der Prozess gemeint, das Gras auseinander zu ziehen, damit sich kein Schimmel bildet. Und bei der speziellen Art des Kämmens legt sich das Gras zu Würsten oder Zöpfen so zusammen, dass auch kurzes Gras am Ende aufgehangen werden kann.

 

5.   Die Graszöpfe werden in 4-5 Schichten aufgehangen. Die unterste ist dabei am dünnsten, nach oben hin kommt mehr und mehr Gras auf die Leinen. Das ist wichtig, um die Durchlüftung zu gewährleisten.

 

6.  Dann heißt es warten, bis es trocken ist. Meistens ca. 1 Woche. Auch Regen soll dem potenziellen Heu so nichts anhaben, dann dauert es einfach länger, bis es trocknet.

 

7.   Nach einer Woche warten kann das Heu abgenommen und eingefahren werden. Auch da arbeiten wir noch an der pferdischen Unterstützung. Die Heulagen, die eingebracht werden, werden mit etwas Salz bestreut und so „gesichert“, also extra haltbar gemacht.

 

 

Nachdem wir nun Nachbarn des nord-norwegischen Hesje Experten sind, aka mein Schwiegervater, und ich mich konstant über die Qualität des Raufutters beklagt habe, habe ich die Einladung zum Hesjen natürlich gerne angenommen. Über viele Jahrzehnte hat er seinen Hof und seine Tiere noch so versorgt, und die Tradition von seinem Vater übernommen. Die Hesjestue, die gestern verwendet wurden, sind über 50 Jahre alt. Das gleiche gilt für den Draht. Sie haben viele Jahrzehnte Menschen und Tieren des Hofes gedient, und sind nach wie vor voll funktionsfähig. Nachhaltige Produktion bekommt hier nochmal ein anderes Licht, und lokaler wird es auch nicht.

 

„Meine“ erste Mini- Hesje gestern war zweiteilig – wir haben natürlich versucht, lange Laufwege zu sparen. Insgesamt haben wir mit 3 Personen 30 Meter Hesje bestückt, und damit, laut Tabelle, 1,4 Tonnen Heu gemacht. Ob dem wirklich so ist, werden wir in einer Woche sehen, wenn wir „ernten“ können.

 

Traditionelle Hesje, wenn sie fertig bestückt ist.
Traditionelle Hesje, wenn sie fertig bestückt ist.

 

Eines kann ich bereits jetzt sagen: In dieser Art Heu zu produzieren, ist natürlich arbeitsintensiv. Um allein meine beiden Pferde zu versorgen und etwas „Extra“ zur Sicherheit zu haben, brauche ich zwischen 6-7 Tonnen pro Winter von „normalem“ Heu. Das bedeutet, ich (und 2 weitere Personen) muss ca. 5 Tage nur mit Heukämmen und Aufhängen verbringen, zusätzlich genauso viele Tage zum Gras schneiden, abnehmen und einfahren. Warum dieses System heute nur noch selten praktiziert wird, ist also klar.

 

Ob ich genug Zeit und Kraft habe, einen ganzen Wintervorrat zu produzieren, weiß ich noch nicht. Das nächste Wochenende werden wir aber auf jeden Fall noch einmal Hesje machen. Denn auf unserer alten Heu Wiese haben wir bereits einige verschiedene Arten gefunden. Auf einige könnte ich auch verzichten – Sauerampfer und Ackerampfer zum Beispiel. Über andere bin ich hoch erfreut. Mädesüß, Brennnesseln, Scharfgabe, echter Kümmel, der kleine Klappertopf, Weide, Birke und Taubnesseln sind einige Pflanzen, die in getrockneter Form im Heu herzlich willkommen sind und das Buffet der Vierbeiner anreichern. Zusätzlich habe ich Kräuter in diesem Jahr eingesät, die sich hoffentlich etablieren und über die nächsten Jahre weiter aussähen: Wilde Möhre, Fenchel, Stiefmütterchen und Thymian, um einige Beispiele zu nennen. So wird ihre Nahrung auf jeden Fall abwechslungsreicher, und ich komme meinem Wunsch nach langfaserigem, artenreichem, zuckerarmem Heu viel näher. Und: Es macht richtig Spaß, und ich kann verstehen, dass Hesje in der Vergangenheit auch ein wichtiger sozialer Treffpunkt für die Familien war. Traditionell sind die Familienmitglieder im Sommer zur Hejse nach Hause gekommen, um bei der Heuernte zu helfen. Den nur mit Hilfe aller war diese Arbeit zu bewältigen.

 

 

Wenn Du also im Sommer nichts vorhast bist Du herzlich eingeladen, den Spaß mit uns zu teilen. Willkommen zum traditionellen Hesje-Dugnad 😉

 

Sogar den Hund hat es am Ende des Tages niedergekämpft.
Sogar den Hund hat es am Ende des Tages niedergekämpft.

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Kommentare: 3
  • #1

    Angelika (Sonntag, 19 Juli 2020 18:45)

    So zu leben wünsch ich mir!❤

  • #2

    Sigrid Neef (Sonntag, 19 Juli 2020 20:22)

    Hallo Celina,

    Vielen Dank für diesen sehr interessanten Bericht.
    Hoffe, Ihr könnt genug Heu für den nächsten Winter machen. Der ist da oben sicher kein Spaß.

    Viele Grüße
    Sigrid
    Wir haben uns vor vielen Jahren mal bei Hanna kennengelernt.

  • #3

    Christine (Dienstag, 21 Juli 2020 12:53)

    Liebe Celina,

    Danke für diesen Beitrag und die Berechnungen. Fand ich super interessant. Mit dieser Methode müsste das Hau auch fast Staubfrei sein. Despino wird sich sehr freuen :-)

    LG Christine

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