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Blickschulung Kleiner Onkel

Unseren Blick zu schulen ist eine der wichtigsten Aufgaben jeden Reiters. Es obliegt unserer Verantwortung, Dysbalancen zu erkennen und abschätzen zu können, wie wir dem Pferd helfen können. Hast Du das dir bereits das erste Video zur Blickschulung angesehen und dir deine eigenen Gedanken gemacht? Heute habe ich noch das "Upgrade" dazu: Ein Videos an der Longe, ohne Reitergewicht.


Bedienungsanleitung für die Blickschulungsvideos

Bereite dich gerne vor mit einem Zettel und Papier. Wenn Du dich gerne selber probieren möchtest (wozu ich dir rate), mach den Ton aus. Denn hier verrate ich Dir (meine) die Lösung. Je nachdem, wo dein (derzeitiger) Fokus liegt und mit welchen Themen Du dich derzeit selber auseinandersetzt, werden jedem andere Details ins Auge fallen. Das ist nicht nur ok, sondern auch gut so. Das geht jedem Experten genauso - der Fokus ist individuell. Darum lade ich dich ein, in den Kommentaren deine „Entdeckungen“ mit allen Lesern zu teilen. Die Dinge, die mir zuerst ins Auge fallen, teile ich mit euch diesmal im Text unten. Meine Erkältung hat mir zwar die Stimme geraubt, aber nicht die Inspiration :-) 
Schau dir auch gerne beide Videos an. Hier liegt uns ein Video mit, ein Video ohne Reiterin vor.


Was sind subtile Lahmheiten?

Bei Lahmheiten können verschiedene Stadien unterschieden werden:

  1.  Subtile Lahmheit: leichte Taktverschiebung, nicht zwangsläufig schmerzhaft, oft auch eine Dysbalance.
  2.  Undeutliche Lahmheit: im Schritt nicht erkennbar, im Trab für ein gutes Auge erkennbar.
  3.  Im Schritt wenig sichtbar, im Trab deutlich sichtbar.
  4.  In Schritt und Trab deutlich zu erkennen.
  5.  Das Pferd nutzt Kopf und Hals, um die Gewicht von der betroffenen Gliedmasse wegzunehmen. Bereits im Stand wird die betroffene Gliedmasse deutlich entlastet / abgestellt.

Wir beschäftigen uns hier mit dem Bereich der subtilen, undeutlichen Lahmheiten. Diese werden nicht durch schwere Krankheiten, sondern auch durch Verspannungen oder falsche, störende reiterliche Einwirkung ausgelöst. Achten wir aber nicht frühzeitig auf die subtilen Symptome, können mittel- oder langfristig schwerere Schäden dadurch entstehen. Ein Beispiel dafür sind z.B. Sehnenproblematiken, Muskelschäden oder Artrosen. Wenn Du mehr rund um das Thema "Lahmheiten" im tierärztlichen Sinne wissen möchtest, empfehle ich Dir den Artikel  von Tiergesund. Der Blog gibt einen guten Überblick dazu.


Was fällt auf?

Das besondere an diesem Video ist nicht nur die Reiterin, die sich bemüht, das Pferd möglichst wenig zu beeinflussen und uns als Zuschauer damit ein möglichst "ehrliches" Bild zu geben. Die Symptomatik ist im subtilen Bereich. Ich erlebe oft, dass bei dem Grad der Symptome Reiter noch nicht darauf reagieren - einfach, weil sie es nicht wahrnehmen.  Persönlich war ich begeistert, wie vielen Zuschauern es gelang, hier schon die kleine Balanceverschiebung zu erkennen.


Video 1 - Das gerittene Pony

An der Longe stellt sich das Bild noch differenzierter dar als in dem ersten Video. 
Auf dem ersten Video fällt mir besonders auf, dass das Pony auf die linke Schulter fällt.  Die Protraktion (das Vorführen) des inneren, liken Vorderbeines ist eingeschränkt. Achten wir auf die Kopf / Halsbewegung des Pferdes, nutzt es Kopf und Hals, um das linke Vorderbein zu entlasten. Das diagonale, rechte Hinterbein zeigt sich in der Momentaufnahme steifer als das linke, Sprunggelenk und Knie beugen deutlich weniger als das linke. Die Hufspitze des rechten Hinterbeins zeigt nach aussen.

Video 2 - Das Pony an der Longe

Schauen wir uns das Video ohne Reiter an, ist das nicht mehr ganz so klar und deutlich zu erkennen. 
Auf der linken Hand sehen wir, dass das äussere, rechte Hinterbein weiter steif bleibt. Ist dein Auge noch nicht so gut geschult, dann siehst Du das am Besten daran, dass die Hufspitze durch den Sand zieht.  Das linke Vorderbein zeigt ebenfalls eine Auffälligkeit. Auf diesem Bein wirbelt der Vorderhuf etwas Sand auf. Da zeigt sich, dass das Bein nicht gut vom Boden wegkommt. Eine Taktaktunklarheit o.ä. können wir hier jedoch nicht erkennen.
Erst auf der rechten Hand ist vor allem von hinten gut sichtbar, wie das rechte Hinterbein etwas "wackelt" und in Fesselgelenk und Sprunggelenk eine kleine Instablität zeigt. Das rechte Hinterbein tritt nicht gerade vor, sondern nach medial verschoben unter den Bauch des Pferdes. Auf dieser Hand spritzt der Sand auch vom linken Hinterhuf auf. Achte ich auf die Schwungrichtung, sehe ich auf der rechten Hand, wie alle Beine nach aussen schwingen. Für mich erscheint es so, als würde das Pferde vorne links "feststecken".

Im Trab haben wir leider nur eine Aufnahme der linken Hand. Hier wird eine kleine Taktverschiebung erkennbar. Noch besser zeigt er im Galopp, dass er versucht, dass Gewicht vom linken Vorderbein wegzunehmen. In einigen Sprüngen sieht es schon noch Tralopp aus. Besonders spannend ist zu sehen, wie durch die reiterliche Belastung sich das Gangbild verändert. Auch wenn die Reiterin noch so leicht und vorsichtig ist, sehen wir mit Last die Problematik deutlicher.  Ohne Last wird erst im Trab, besser noch im Galopp, das Problem sichtbar. 

Subtile Lahmheiten sind so eine Sache für sich. Oft ist es ein unbalancierter Reiter, eine schlechte Handeinwirkung oder unpassendes Equipment, was diese auslöst. Da ich in diesem Fall Reiterin und Pferd kenne, und vorher noch nie ein subtile Lahmheit bei dem Pony wahrgenommen habe, schliesse ich das aus ;-) 

Auf einem Video können wir zu einem grossen Teil nur raten. Trotzdem: Auffällig ist in allen Gangarten, auf beiden Händen und sowohl mit als auch ohne Reiter das mangelnde Vorführen der linken Schulter.  Würde ich behandeln, würde ich hier beginnen nach der Ursache zu suchen, und zwar im oberen Bereich.


Biomechanik für Reiter

"Die Vorhand kann zwar keinen Schwung im Pferdekörper produzieren, diesen aber verhindern. " Bei diesem Fallbeispiel können wir gut erkennen, was dieser Lehrsatz zu bedeuten hat. Sehr oft sehen wir Pferde, wo die Problematik sich entweder von der Hinterhand, einem blockierten Kreuzbein oder einer Blockade im Lendenwirbelbereich nach vorne durchzieht und die Tätigkeit der Vorhand beeinträchtigt. Doch das geht natürlich auch anders herum. In diesem Fall bin ich mir relativ sicher, dass die Ursache-Folge -Kette sich vom Vorderbein zur Hinterhand durchgezogen hat. 

Und das passiert sogar recht oft. Ein einziges Vertreten, der Tritt in einen überraschend nachgiebigen Boden oder ein "Loch" oder wildes Spiel reichen schon aus. Die Muskulatur um die Brust versucht dann, den Stoss abzufangen. Dafür ist die Thoraxschlinge auch konzepiert. Sie ist ein grosser Stossdämpfer in der Natur, der die Stösse des auffussenden Vorderbeins abfängt. So wird der Brustkorb und die darin liegenden Organe geschützt. Oft gelingt es dem Körper, sich selbst zu helfen. Gelingt es dem Körper jedoch nicht, selbstständig wieder zu lösen, entsteht entweder faszial oder muskulär eine Blockade. Kein Muskel, keine Faszie steht für sich alleine im Körper. Wir reden immer von Funktionsketten, die sich oft durch den ganzen Körper ziehen. Dadurch kommt es zu kompensatorischen Bewegungsmustern auch in anderen Teilen des Körpers. Somit macht es Sinn, dass eine Einschränkung an der Vorhand ebenfalls die Hinterhandtätigkeit beeinträchtigen können. Oft ist die sogenannte Primärläsion gar nicht so schlimm und damit wenig auffällig. Erst die Kompensation über einen längeren Zeitraum bereitet dem Körper Probleme. Das erklärt, warum die Problematiken nicht immer sofort zu erkennen sind, sondern sich über einen längeren Zeitraum manifestieren. Und dann wird es immer schwerer, Symptom und Ursache zu unterscheiden. 


Zum Weiterlesen

 

 

 

 

 

 

Blickschulung Funi

 

 

 

 

 

 

 

Wellness für dein Pferd: Das craniomandibuläre System

 

 

 

 

 

 

Online Unterricht?!

 

 

 

 

 

 

How to... Kruppeherein


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Comments: 1
  • #1

    Sonja (Monday, 23 March 2020 17:31)

    Liebe Celina,
    vielen Dank fürs Teilen deiner Gedanken zu den beiden Videos! Und natürlich vielen, vielen Dank an die mutige junge Dame, sich hier den Kommentaren einer ganzen Community zu stellen. Hut ab!

    Dass das Problem irgendwo in der Diagonalen instabiles rechtes Hinterbein und wenig vorgreifendes linkes Vorderbein liegt, wird wohl relativ schnell klar. Magst du uns noch einen Hinweis geben, durch welches Detail du darauf gekommen bist, was hier Ursache (Blockade linke Schulter) und was Wirkung (Unterbrechung des Durchschwungs des rechten Hinterbeit) ist? Mich da festzulegen, wäre mir äußerst schwer gefallen (und müsste ich raten, hätte ich eher auf hinten als auf vorne getippt....).
    Ganz liebe Grüße
    Sonja
    P.S: Unbedingt mehr von diesen Videos. Ich denke, hier sind jetzt ganz viele Menschen richtig heißt drauf, jedes Mini-Detail zu erkennen und zu analysieren. Das macht ja richtig süchtig :-P

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