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Das “Elefantengedächtnis” der Pferde

…. ein weiterer Grund, Achtsam zu sein.


“Auf ein Pferd, das aus Angst gehorcht, ist kein Verlass. Es wird immer etwas geben, vor dem es sich mehr fürchtet als vor dem Reiter. Wenn es aber seinem Reiter vertraut, wird es ihn fragen, was es tun soll, wenn es sich fürchtet..” – Antoine Pluvinel, 1555-1625

 

Frauke Musial & Celina Skogan

 

Neue Forschung auf dem Gebiet der Neurowissenschaften entdecken die Wichtigkeit und Komplexität des Geistes der Pferde wieder. Ein Wissen, das alten Meistern in der Vergangenheit durchaus bewusst war und dass sie bewusst für ihre Zwecke eingesetzt haben. Heute schauen wir uns eine Studie an, in der die neuesten wissenschaftlichen Möglichkeiten, ein EEG am Pferd, eingesetzt werden um die geistige Verarbeitung menschlicher Stimmen beim Pferd anzuschauen.

 

 

Historisch gesehen arbeiteten Reitmeister oft an einer Akademie (dem Vorläufer der Universität), am Hofe eines gut betuchten Adligen oder einen König und / oder dessen Armee. Auch wenn sie als Meister die Verantwortung trugen, waren Ihnen oft weitere Reitlehrer und Knappen unterstellt. Sie waren dafür verantwortlich, das Pferd nicht nur zum Vergnügen, sondern auch für den Dienst in der Kavallerie auszubilden, was zu dieser Zeit immer die Vorbereitung auf einen Kampf Mann gegen Mann bedeutete. Unter diesen Bedingungen war nicht nur die körperliche Fitness im Sinne von Mobilität und Wendigkeit des Pferdes, sondern vor allem auch sein geistiger Zustand und seine Motivation ein entscheidender Faktor für das Überleben des Reiter-Pferdepaars. Vor dem Einsatz von schwerer Maschinerie im Kampf war die Kavallerie als ganzes oft kriegsentscheidender Faktor und entschied über das Schicksal ganzer Länder. Kein Wunder, dass Reiter ein hohes Ansehen genossen.  Gerade in dieser Situation war die Bindung zwischen Mensch und Pferd von fundamentaler Bedeutung. Stellen Sie sich ein Schlachtross vor, das in dem Moment, wo es den Feind sieht, umkehrt und davonläuft! Damit sich das Schlachtross in genau diesen Momenten auf seinen Reiter verlassen würde, musste die Ausbildung des Pferdes, das Training für genau diese Situation, vom Ritter selbst durchgeführt werden. Schulung und Ausbildung wurde unter Aufsicht eines erfahrenen Meisters durchgeführt. Die besondere Bindung der Liebe und Nähe zwischen dem Menschen, dem Ritter, und seinem Partner, dem Schlachtross, ging oft so weit, dass das Pferd eines Adligen zusammen mit oder neben seinem Herrn begraben wurde.

 

Dieses Wissen, zusammen mit dem Wissen, wie man mit dem Körper und dem Geist eines Pferdes umgeht und arbeitet, ist offenbar irgendwann im letzten Jahrhundert verlorengegangen. Insbesondere die Industrialisierung, die ihren Niederschlag auch in den Materialschlachten der beiden Weltkriege fand, hat zu einem enormen Verlust an Kenntnis der und Wissen um Pferde geführt. Die Kavallerie hat hier nur noch als Kanonenfutter gedient, und vielen wichtigen aktiven Meistern das Leben gekostet. Ihr Wissen ist verloren.  Als Folge hat sich der Umgang mit dem Pferd dramatisch verändert. Was einst eine tragfähige, oft lebenslange Beziehung zwischen Mensch und Pferd war, wurde zu einer zufälligen, oftmals in den Bezug auf den schnell wechselnden «Verwendungsweck» des Pferdes eher flüchtigen Begegnung. Wie viele Pferde kennen Sie, die eine lebenslange Beziehung zu ihrem Reiter haben und nur von einer einzigen Person ausgebildet werden? Das gilt oftmals sowohl für das Wettkampf- als auch für das Freizeitreiten. Die Beziehung zwischen Mensch und Pferd hat sich verändert und das Pferd hat sich in vielen Fällen in ein Konsum- oder Statussymbol verwandelt.

 

 

Die Fähigkeit zur Kommunikation und zum Verständnis zwischen zwei so unterschiedlichen Spezies wie Pferde und Menschen, setzt ungeheure mentale Fähigkeiten auf beiden Seiten voraus. Kein Wunder, dass die Wissenschaft heute Komplexität und Intelligenz des equiden Gehirns neu entdeckt. Wir diskutieren heute eine Studie, in der die neuesten technischen Möglichkeiten genutzt werden, um die mentale Reaktion des Pferdes auf menschliche Stimmen zu testen. Da bei zeigen sich erstaunliche Paralelen zwischen dem menschlichen und der Reizverarbeitung im Gehirn der Pferde.

 


 

Es ist erst wenige Jahre her, dass die gleichen nicht-invasiven elektrophysiologischen Methoden (Elektroenzephalographie, bekannt als EEG), die zur Untersuchung des menschlichen Gehirns verwendet werden, auch für die Erforschung von Haustieren, einschließlich des Pferdes, zur Verfügung stehen. Die ersten veröffentlichten Forschungsergebnisse dieses methodischen Durchbruchs sind äußerst faszinierend und zeigen, dass es überraschende Ähnlichkeiten zwischen den z.T. sehr unterschiedlichen Spezies gibt.

 

Ein über die untersuchten Spezies hinweg sehr konsistenter Befund ist die sogenannte „Lateralisierung“ bei der Verarbeitung emotionaler Reize. Lateralisierung bedeutet, dass die beiden Gehirnhälften, die linke und die rechte Gehirnhälfte, den emotionalen Inhalt eines Reizes unterschiedlich verarbeiten. Beim Menschen werden beispielsweise Reize mit negativer emotionaler Valenz („Valenz“ in der Neurowissenschaft beschreibt die Qualität und Bedeutung eines Reizes oder einer Situation) in der rechten Gehirnhälfte (meist in den vorderen, den sog. frontalen Teilen) verarbeitet. Reize und Erfahrungen mit einer positiven Valenz werden dagegen in der linken Hemisphäre (der linken Seite des Gehirns, und hier auch meistens in den frontaleren Anteilen) verarbeitet. Diese Dominanz der rechten Gehirnhälfte für die negative emotionale Wertigkeit eines Reizes wurde nicht nur für den Menschen gezeigt, sondern auch für mehrere andere Arten wie z.B. Katzen, Affen, Hunde und Pferde. Faszinierend ist, dass diese Tierarten mit einer entsprechenden Reaktion des Gehirns auch auf Vokalisationen, also Stimme und Lautäusserungen mit positiver und / oder negativer Valenz reagierten. Diese Reaktion war unabhängig davon, ob diese Laute von Angehörigen ihrer eigenen Art oder einer anderen Art stammten (Übersicht siehe [1]).

 

 

Als wenn diese Ergebnisse zur emotionalen Kommunikation zwischen Spezies und der entsprechenden Verarbeitung im Gehirn nicht schon interessant genug wären, sind neueste Forschungsergebnisse zur Mensch-Tier-Interaktionen mittels Lautäußerungen wenn möglich noch interessanter! Es hat sich gezeigt, dass sowohl Hunde als auch Pferde, also zwei Arten mit einer jahrtausende währenden, gemeinsamen Vorgeschichte mit dem Menschen, auf emotionale menschliche Stimmen mit einer der menschlichen Gehirnaktivität identischen Lateralisierung reagieren: Menschliche Stimmen, die Trauer und Angst ausdrücken, wurden in der rechten Hemisphäre verarbeitet, während Ausdrücke von Freude in der linken Hemisphäre verarbeitet wurden [2], [3]. Diese Studien legen nahe, dass beide Arten, sowohl Hunde als auch Pferde mit spezifischer Hirnaktivität auf den emotionalen Inhalt menschlicher Stimmen reagieren und dass diese spezifische Gehirnaktivität der menschlichen ähnlich ist.

 

Die Studie, über die wir heute im Besonderen berichten [1], untersuchte die emotionale Verhaltensreaktion sowie die damit verbundene Gehirnaktivität in der Reaktion auf menschliche Stimmen. Die Stimmproben, die im Experiment verwendet wurden, wurden zunächst mit einer positiven oder negativen Nahrungserfahrung assoziiert (konditioniert) und dann 21 Pferden vorgespielt. Die Ergebnisse zeigten, dass menschliche Stimmen, die zuvor mit einer positiven oder negativen Valenz (Wertigkeit) verbunden wurden, zu gut unterscheidbaren Verhaltensmustern führten (negativ: Ohren zurück, abwenden; positiv: Ohren nach vorne, aufmerksam). Diese Verhaltensmuster waren mit der Lateralisierung der Gehirnaktivität verbunden (rechts: negativ ; lings: positiv).  Die Studie konnte damit eindeutig nachweisen, dass Pferde menschliche Stimmen positiven oder negativen Erinnerungen zuordnen.

 

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Pferde ein dauerhaftes und umfassendes Bild von Menschen entwickeln, welches alle sensorischen Modalitäten einschliesst. Dies bedeutet, dass sie individuelle Repräsentationen eines Menschen erstellen, wie er aussieht (sensorischer Kanal: Sehen), wie sich seine Stimme anhört (sensorischer Kanal: Hören) und auch wenn dies weniger erforscht ist, wie er riecht (sensorischer Kanal: olfaktorik, riechen). Dieses Bild und die damit verbundene emotionale Einschätzung, d.h. die Beurteilung „Ist dies ein freundlicher Mensch oder habe ich negative Erfahrungen mit ihm / ihr gemacht?“, wird aus der emotionalen Wertigkeit vergangener Interaktionen, Erinnerungen und Erfahrungen konstruiert.

 

Aktuelle Studien zeigen, dass Pferde, die mit positiver Verstärkung trainiert wurden (erwünschtes Verhalten wird gelobt oder mit Nahrung in Verbindung gebracht), sich für Menschen interessieren und sozialen Kontakt mit ihnen suchen. Die Ergebnisse der positiven Verstärkung als Trainingsmethode stehen im klaren Gegensatz zum Einsatz von Bestrafung (ein unangenehmer Reiz folgt auf ein Verhalten) oder negativer Verstärkung (ein unangenehmer Reiz wird entfernt; ein Element bei Trainingsmethoden die nach dem Press-Release Konzept arbeiten), die bei Pferden mehr Stress auslösten und zu weniger kontaktsuchendem Verhalten führten. Diese trainingsbezogenen Effekte waren nach 6-8 Monaten noch nachweisbar. Darüber hinaus verallgemeinerte sich der Effekt auf unbekannte Personen [4, 5] .

 

Was bedeutet das für uns Reiter und alle, die mit Pferden umgehen? Diese Ergebnisse liefern belastbare Daten und bestätigen neurophysiologisch, was viele Hundebesitzer, aber auch viele Pferdebesitzer anekdotisch berichten: Hunde und Pferde verstehen und reagieren auf unsere Emotionen, auf ihre spezifische und ihrer Spezies eigenen Art und Weise, aber eindeutig (siehe auch unseren Blog „Pferde können unsere Emotionen lesen ”).

 

 

Diese wissenschaftlichen Erkenntnisse haben Konsequenzen für die Art und Weise, wie Pferde ihrer Natur entsprechend trainiert werden sollten. Trainingsmethoden sollten auf positiven Interaktionen aufbauen und die Ausbildung des Pferdes sollte in einer positiven, freundlichen und sicheren Trainingsatmosphäre und -umgebung stattfinden. Dies wird nicht nur den Bedürfnissen der Pferde gerecht, sondern ermöglicht auch gute Trainingsergebnisse. Die Anwendung von Druck und Bestrafung  in der Ausbildung von Pferden führt nachweislich zu deutlich schlechteren Ergebnissen. Nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, ignorieren und verletzen diese Trainingsmethoden die Natur der Pferde und wirken sich nachteilig auf ihr Wohlbefinden aus. Deshalb sind Trainingsmethoden, die physischen oder psychischen Druck ausüben schon aus Tierschutzgründen abzulehnen. 


Newcastle schreibt bereits im Jahr 1658 in seinem Buch: "Ein Pferd muss wie ein Junge unterrichtet werden, dem das Schreiben und Lesen beigebracht wird." Die alte akademische Art zu lehren, wie sie z.B. Newcastle vertrat, berücksichtigte Lernprinzipien, wie sie von moderner Forschung bestätigt wird. Die damals verwendetetn Trainingsmethoden, bauten bereits auf einer gut durchdachten Struktur für Mensch und Pferd auf.

 

Heute versuchen Menschen oft eine „schnelle und einfache Lösung“ zu finden. Anstatt sich selbst zu einem “Pferdemenschen” zu entwickeln und sich weiterzubilden, ist es populär geworden, in ein „10-Stufen-Programm“, ein System, oder eine Meinung zu investieren. Aber eigentlich gibt niemanden, den man bezahlen kann, kein System, das man kaufen kann, was einem abnimmt, über die eigene Person, Bedürfnisse, Wünsche, Herausforderungen und Ziele im Umgang mit Pferden zu reflektieren.

 

 

Denken Sie im täglichen Umgang mit Ihrem Pferd daran, dass sich Pferde der Tatsache bewusst sind, dass wir verschiedene Arten sind. Und trotzdem haben sie interesse daran, ein Gespräch mit uns zu beginnen, suchen unsere Nähe, und interagieren sozial mit uns. Sie versuchen unsere Sprache zu lernen und unsere Wünsche zu erkennen. Auf diesem zutiefst sozialen Wesen der Pferde können wir Aufbauen. Ein wesentlicher Teil eines erfolgreichen Trainings und einer guten Ausbildung ist die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache, die sowohl Pferd als auch Reiter verstehen. Ein Pferd wird ein neues „Signal“ nicht besser verstehen, nur weil Sie lauter schreien. Eine gemeinsame Kommunikation zu entwickeln öffnet nicht nur die Türen zu besserer Kommunikation, Partnerschaft und schliesslich auch gesunderhaltender Gymnastik. Es öffnet auch die Tür zu gemeisamer Aktivitäten, wie reiten, springen, cross country oder was auch immer den beiden Partnern Spass bringt. 
In diesem Sinne: Enjoy the Journey!


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 Mindfulness

 

 

 



wissenschaftliche Referenzen

 

 

 

1.            d'Ingeo, S., et al., Horses associate individual human voices with the valence of past interactions: a behavioural and electrophysiological study. Sci Rep, 2019. 9(1): p. 11568.

 

2.            Siniscalchi, M., et al., Lateralized behavior and cardiac activity of dogs in response to human emotional vocalizations. Sci Rep, 2018. 8(1): p. 77.

 

3.            Smith, A.V., et al., Domestic horses (Equus caballus) discriminate between negative and positive human nonverbal vocalisations. Sci Rep, 2018. 8(1): p. 13052.

 

4.            Fureix, C., et al., How horses (Equus caballus) see the world: humans as significant "objects". Anim Cogn, 2009. 12(4): p. 643-54.

 

5.            Sankey, C., et al., Reinforcement as a mediator of the perception of humans by horses (Equus caballus). Anim Cogn, 2010. 13(5): p. 753-64.

 

 

 

 

 

 

 

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