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Subtile Schmerzzeichen des Pferdes - Das Schmerzgesicht

von Frauke Musial & Celina Skogan

Warum der Artikel entstanden ist  - Celina Skogan

 

Hast Du zufällig die neueren Studien in equiner Orthopädie verfolgt? Eine Studie wurde kürzlich gross auf Facebook geteilt. Es ging um einige Studien der weltweit anerkannten Orthopädin Sue Dyson. Sie publizierte über eines der Themen, dass sie seid Jahren beschäftigt: Subtile Lamheiten, und Zeichen der Früherkennung im Umgang und Training. Bereits in der Vergangenheit hat die "Grand Dame"  der  Orthopädie sich immer als Botschafterin des Pferdes hervorgetan. Es überrascht nicht, dass sie unermüdlich darum bemüht ist, neben Tierärzten und Therapeuten vor allem auch Trainer und Reiter zu erreichen. Was hingegen überrascht war die grosse Anzahl von Reitern und Trainern, die öffentlich und oft etwas beschämt zugegeben haben, die Warnzeichen oder auch schon echte Schmerzzeichen nicht sehen zu können. 


Das könnte erklären, warum wir auch in unserer Zeit, wo Reiten eine Wahl und keine Notwendigkeit mehr ist, so viele Pferde mit unklaren Gangarten in den meisten durchschnittlichen Reithallen sehen. Oft werden subtilere Schmerzzeichen in frühen Phasen übersehen. Dann, wenn es leicht wäre, sie zu beheben. Wenn es "nur" eine Sache von nicht gelungenem Training ist, ein schiefer Reitersitz, natürliche Schiefe oder Inbalance. Trotzdem ist die Ursache bereits im Pferdekörper etabliert.  Noch häufiger reagieren wir erst, wenn sich schwere Lahmheiten, Sehnenschäden, Athrosen oder Kissing Spines einstellen. Ob dann immer die Ursache gesucht wird, oder nur das Symptom behandelt, ist eine weitere Frage. An dieser Stelle können wir nicht oft genug betonen, dass Pathologien immer SPÄTFOLGEN sind, und die Weichteile schon sehr lange  Traumen ertragen haben, bevor es dazu kommt. Fasziale oder muskuläre Probleme, und alles andere, das in den Bereich der subtilen Lahmheiten fällt,  scheint sogar noch schwieriger zu sehen zu sein. Ich denke, dass es ein guter  Grund für die dWissenschaft ist, sich damit zu beschäftigen und zu versuchen, das Thema weiter in den Fokus zu stellen.


Wo die Wissenschaft die ersten Schritte in diesem Bereich macht, sollte ein guter Trainer oder ein gut geschulter Reiter in der Lage sein, solche Anzeichen auf den ersten Blick zu erkennen.


Das  «pain face»

 

 

Pferde sind, ähnlich wie andere Beutetiere, nicht in der Lage Schmerzen über die Stimme zu äußern, sie verfügen nicht über einen Schmerzlaut. Dies unterscheidet Pferde von anderen Tieren, wie z.B. Hunden und Katzen, die ebenfalls in einer mehr oder weniger symbiotischen Beziehung zum Menschen leben. Da jedoch schmerzhafte Eingriffe wie Kastration oder Branding im Pferdemanagement Routine sind, stellt genau diese Tatsache, dass Pferde Schmerzen subtiler und stiller ausdrücken, eine grosse Herausforderung für die Haltung und das Wohlergehen von Pferden dar. Glücklicherweise hat das Bewusstsein für Schmerzen bei Tieren generell zugenommen. In den letzten zwei Jahrzehnten wurden erhebliche Anstrengungen unternommen, um Schmerzen bei Tieren, einschließlich des Pferdes, physiologisch besser zu verstehen, um sie so effektiver lindern zu können.

 

Auch wenn zweifellos erhebliche Fortschritte bei der Behandlung von Schmerzzuständen bei Pferden erzielt wurden, bleibt die Diagnostik von Schmerzen bei einem Tier, das Schmerzen sehr subtil und ohne Vokalisierung ausdrückt, eine Herausforderung. Darüber hinaus vermuten Verhaltensforscher, dass Pferde in Anwesenheit eines Menschen sogar den Schmerz unterdrücken können. Ein solches Verhalten wäre typisch für ein Beutetier in einer vulnerablen Situation, insbesondere wenn ein Raubtier (der Mensch) anwesend ist.

 

Versuche, Schmerzen bei Pferden zu messen, basierten bisher auf behavioralen Massen wie z.B. Unruhe und/oder Biomarkern wie der Herzfrequenz. Trotzdem ist es schwierig, Verhaltensmasse zu interpretieren, da ein Pferd sich unter Schmerzen sowohl aggressiv/agitiert als auch hilflos/zurückgezogen und passiv zeigen kann. Biomarker, wie z.B. die Herzfrequenz haben den Nachteil, dass sie möglicherweise einen Schmerzzustand nicht von einer Stressreaktion unterscheiden können.

 

In den letzten Jahren hat sich daher der Schwerpunkt der Schmerzforschung im Tierbereich auf den Gesichtsausdruck verlagert und für Labortiere wie Mäuse und Ratten wurden bereits Schmerzskalen anhand des Gesichtsausdrucks entwickelt. In Bezug auf Pferde gab es in der letzten Zeit verstärkt Bemühungen,  die typischen Merkmale eines equinen Schmerzgesichtes zu identifizieren und zu definieren (Gleerup, Forkman et al. 2015) und entsprechende Bewertungsskalen zur systematischen Beurteilung von Schmerzen bei Pferden zu entwickeln (Dalla Costa, Minero et al. 2014, Dalla Costa, Pascuzzo et al. 2018). Die Ergebnisse dieser Studien kommen zu dem Schluss, dass es bei Pferden ein typisches Schmerzgesicht gibt, auch wenn die Veränderungen subtil und nicht ganz einfach zu erkennen sind. Die gute Nachricht ist, dass Primaten, zu denen wir Menschen natürlich ebenso gehören, als soziale Tiere Emotionsausdruck durch Mimik sehr gut interpretieren können. Dies gilt zumindest beim Menschen selbst dann, wenn eine Person versucht, ihre Gefühle zu verbergen.

Aber wie sieht das Schmerzgesicht von Pferden aus? Wie können wir herausfinden, ob unser Pferd Schmerzen hat? Abbildung 1 (übernommen aus (Gleerup, Forkman et al. 2015) zeigt ein schmerzfreies und entspanntes Pferd. Dabei zeigt das Pferd aufmerksame Ohren, die Kaumuskulatur, das Pferdemaul, die Nüstern und die Unterlippe sind entspannt und das Auge ist offen und aufmerksam. Dagegen zeigen die Abbildungen 2 und 3 (nach Gleerup, Forkman et al. 2015) verschiedene Variationen eines equinen Schmerzgesichtes: Ein oder beide Ohren sind nach hinten gedreht, das Auge ist angespannt, zeigt “Sorgenfalten” und steht ein wenig schräg, der Blick wirkt in sich gekehrt oder ist durch Anspannung gekennzeichnet, die Nüstern sind geweitet, das Maul ist angespannt (das Pferd “beisst die Zähne aufeinander) und der Tonus der Lippen, des Kinns, sowie der Kau- und der mimischen Muskulatur ist erhöht. Der allgemeine Eindruck ist, dass das gesamte Profil flacher wird.

 

Basierend auf diesen charakteristischen Merkmalen haben Dalla Costa und Mitarbeiter (Dalla Costa, Minero et al. 2014) eine Schmerzbewertungsskala für Pferde entwickelt, die Horse Grimace Scale (HGS), die sich als nützliches Instrument zur Beurteilung von Schmerzzuständen bei Pferden erwiesen hat (Dalla Costa, Pascuzzo et al. 2018). Für Leser, die an einer Vertiefung ihres Wissens interessiert sind und mehr Abbildungen und Beschreibungen von equinen Schmerzgesichtern sehen möchten: Alle Literaturhinweise in diesem Artikel sind „Open Access“, was bedeutet, dass sie über das Internet frei zugänglich sind und kostenlos heruntergeladen werden können.

In der Lage zu sein, einen Schmerzzustand bei einem Pferd zu erkennen ist für jeden relevant, der reitet oder mit Pferden umgeht. Darüber hinaus finden wir, dass diese Kompetenz auch eine grundlegende ethische Anforderung darstellt, die mit der Verantwortung eines Reiters oder Pferdebesitzers einhergeht. Ich (F.M.) habe selbst erlebt, dass der Unwille meines Pferdes, vorwärts zu gehen, von einem Reitlehrer als ungewünschtes Verhalten interpretiert wurde verbunden mit der nachdrücklichen Anweisung an mich, meinem Pferd diesen Ungehorsam «nicht durchgehen zu lassen» und ihn mit allen Mitteln vorwärts zu treiben. Wie sich im Nachhinein heraus gestellt hat, muss mein Pferd schon damals unter schweren Schmerzen gelitten haben, ohne dass eine deutlich sichtbare Lahmheit zu bemerken war.

 

 

Diese Episode verdeutlicht vor allem zwei Dinge:

 

i)                    Anzeichen von Schmerzen bei Pferden sind subtil und die unglaubliche Fähigkeit unserer vierbeinigen Freunde als Fluchttiere Schmerzen zu verbergen, macht sie besonders anfällig für menschliche Ignoranz. Manche Pferde zeigen möglicherweise unerwünschte oder gefährliche Verhaltensweisen, wie z. B. Buckeln, weil sie keine anderen Mittel haben, sich auszudrücken. In diesen Fällen ist es fundamental wichtig heraus zu finden, ob das gefährliche, unerwünschte Verhalten mit Schmerzen zusammenhängt. Nicht nur, weil alles andere unethisch wäre, sondern auch, weil alles andere gefährlich sein kann.

 

ii)                 Vertraue deinem Pferd! Wenn es sich um ein Pferd handelt, das Du gut kennst oder vielleicht sogar Dein eigenes, und das sich anders als sonst aufführt, überlege zuerst, warum dieses offensichtlich atypische und unerwünschte Verhalten auftritt. Wenn dieses Verhalten neu ist, ist wahrscheinlich etwas nicht in Ordnung. Ein Pferd, das immer bereitwillig vorwärts geht und plötzlich jegliche Motivation verloren hat, hat vielleicht Schmerzen und kann Anzeichen von subtiler Lahmheit zeigen, die möglicherweise schwer zu erfassen sind.

 

Änderungen im Verhalten eines Pferdes können viele Gründe haben, z. Stress aufgrund von Ereignissen, die in der Herde stattgefunden haben, oder mögliche Veränderungen in der Umgebung, die neu und unheimlich sind, oder andere Gesundheitsprobleme, die Unwohlsein auslösen. Die Identifizierung und Beschreibung des equinen Schmerzgesichtes ermöglicht die Identifizierung eines möglichen Schmerzzustands im Zusammenhang mit unerwünschten Verhaltensänderungen. Günstigstenfalls, bevor das Problem so schwerwiegend wird, dass selbst ein Pferd nicht mehr verheimlichen kann, dass es leidet. Es bietet uns Equestrians die Möglichkeit, ein potenzielles Schmerzproblem leichter zu identifizieren, so dass die entsprechende Diagnose frühzeitiger gestellt und eine entsprechende Behandlung schneller eingeleitet werden kann. Wir sind es unseren vierbeinigen Freunden schuldig, ein besonderes Augenmerk auf mögliche Schmerzzustände zu haben, denn wir sind es, die für ihr Wohlergehen verantwortlich sind. Sie haben keine Möglichkeit, es uns zu sagen!


Tips für jeden Tag

Besonders in "schwierigen" Lektionen darf der Gesichtsausdruck konzentriert, aber offen und entspannt sein.
Besonders in "schwierigen" Lektionen darf der Gesichtsausdruck konzentriert, aber offen und entspannt sein.

Für Reitlehrer und Pferdebesitzer: Einige Tipps um frühzeitig Anzeichen von Schmerz zu entdecken.


HINHÖREN - Wortwörtlich.

Lass mal jemand anderen dein Pferd führen. Anfangs am Besten über harten Boden, das hört es sich leichter. Schliesse deine Augen und höre auf den Rhythmus. Es hilft oft, im Stillen den Takt mitzuzählen. Im Schritt ist das 1-2-3-4, im Trab soll es ein klarer 2Takt sein, also 1-2-1-2. Im Galopp suchen wir 3 takte.
Stell dir folgende Frage: Sind alle Takte gleich lang? Ist ein Takt lauter oder leiser? Harter oder sanfter? Kürzer oder länger? Nutze jede Gelegenheit, um Pferde anzuhören - in der Reithalle oder wenn sie über den Hof geführt werden - um dein Gehör zu schulen.

 

HÖRE auf deinen Körper - einige Zeichen von Steifheit.
Wenn Du auf dem Pferd sitzt - stell dir die gleichen Fragen wie oben. Jetzt kannst Du zusätzlich dein  Gesäss und deinen Rücken nutzen, um Antworten zu finden. Ist dein Pferd im Trab und Galopp sehr unbequem, oder hast Du selber nach dem Reiten (Ver)Spannungen im Körper? Dann sind die Chancen hoch, dass dein Pferd Rückenschmerzen hat.

HINSCHAUEN  von hinten - einige Zeichen von Hüft- und Lendenproblemen.
Wenn Du von hinten draufschaust - bewegen sich die Hüfte auf beiden Seiten gleichmässig? Hoch & Runter? Tretten beide Hinterfüsse gleichmässig? Gleichlang? Schaukelt der Schweif gleichmässig in beide Richtungen? Schauen die Hufspitzen in die gleiche Richtung? Drehbewegungen in einem der kleinen Gelenke?  

 

HINSCHAUEN  von der Seite - einige Zeichen für Imbalancen.
Wie bewegen sich die Beine? Wie ist die Balance auf den ersten Blick? Und auf den zweiten?  Lehnt sich das Pferd zu einer Seite? Auf eine Diagonale? Schwingen beide Vorderbeine gleichmässig vor? Ist ein Huf grösser oder kleiner? Hat der Hufbearbeiter das mal kommentiert? Wächste ein Huf schneller?

 

HINSCHAUEN von vorne – einige Zeichen für Lahmheiten.
Bewegt sich der Kopf gleichmässig hoch, runter, rechts und links? Oder wird ein Bein, eine Diagonale, betont? Werden alle Hufe gleichmässig  vom Boden gehoben? Oder zieht einer über den Boden?

 

Anfassen!
Berühre dein Pferd, streich es sanft am ganzen Körper ab. Hast Du dir schon die DIY Massage Teil 1 angesehen?  Das kann eine tolle Routine werden, um Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen.

 

Verhaltensveränderungen / schwieriges Verhalten
Ist dein Pferd plötzlich "anders"? Oder hat es schon immer einige sehr schwierige Ideen? Kaut es nur zu einer Seite? Ist es generell nicht glücklich, angefasst, gebürstet oder gesattelt zu werden? Was passiert, wenn Du eine Hand hebst? Drückst der Rücken sich dabei weg? Werden die Ohren flach? Dreht es den Kopf zur Seite wenn Halfter oder Kopfstück kommen? Zappelig beim Hufschmied? Kann es alle 4 Beine gut heben, oder zieht es eines immer bei der täglichen Routine weg?  Ist dein Pferd ein bissl angespannt, auch gegenüber anderen Pferden? Beisst es?  Kann es alleine und entspannt an der Aufteigehilfe stehen? Ist es angespannt wenn der Sattelgurt angezogen wird? 


Ist deine Antwort auf nur eine dieser Fragen "JA", dann teilt das Pferd mit, dass es ihm nicht gut geht. Denk daran, dass die Aufgabe eines Tierarztes primär nicht ist, ein geschulter Reiter zu sein. Es ist gut darin, die Dinge zu finden und zu behandeln, die in seinen Bereich fallen. Und der ist schon riesig gross. Genauso muss ein Trainer nicht ein Experte in Biomechanik oder Verhaltenskunde sein.  Vor allem bist Du als Pferdebesitzer oder Reiter gefragt, mögliche Schwierigkeiten zu entdecken und dann den richtigen Experten der Wahl zu befragen. Wir können alle mal einen schlechten Tag haben, Zwei- oder Vierbeiner. Aber keine schlechte Woche.

 

Jeder Reiter hat die Verantwortung für sich und sein Reittier. UND dazu "Nein" zu sagen, wenn z.B. das eigene Pferd, ein Schulpferd, die Reitbeteiligung nicht in Ordnung ist. Wenn der Reiter mehr Kraft braucht, wenn der Sprung zu hoch ist, wenn der Trainer sagt "drüber reiten". Wenn das Pferd "extra Motivation" von einem anderen Gebiss benötigt, oder einer Gerte. Wenn das Pferd oft stolpert, oder passig aus der Halle kommt. Entweder die Aufgabe ist einfach noch zu schwierig für euch, oder das Pferd ist in ernsthaften Schwierigkeiten. Dann darfst Du als Reiter einfach auch mal NEIN dazu sagen - zu deiner eigenen Sicherheit, und zum Wohlbefinden deines Pferdes.


Zum Weiterlesen



Literaturhinweise:

Für Leser, die gerne ihr Wissen über den Gesichtsausdruck von Schmerzen bei Pferden vertiefen möchten: Alle Referenzen in diesem Artikel sind "Open Access", d.h. sie sind über das Internet frei zugänglich und können kostenlos heruntergeladen werden.

 

Dalla Costa, E., M. Minero, D. Lebelt, D. Stucke, E. Canali and M. C. Leach (2014). "Development of the Horse Grimace Scale (HGS) as a pain assessment tool in horses undergoing routine castration." PLoS One 9(3): e92281.

 

Dalla Costa, E., R. Pascuzzo, M. C. Leach, F. Dai, D. Lebelt, S. Vantini and M. Minero (2018). "Can grimace scales estimate the pain status in horses and mice? A statistical approach to identify a classifier." PLoS One 13(8): e0200339.

 

Gleerup, K. B., B. Forkman, C. Lindegaard and P. H. Andersen (2015). "An equine pain face." Vet Anaesth Analg 42(1): 103-114.

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Kommentare: 1
  • #1

    Roswitha Fochler (Freitag, 10 Januar 2020 21:40)

    Ich bin überzeugt, wenn man sämtliche Hilfszügel abschaffen und dafür täglichen Weidegang oder mindestens Auslauf mit Möglichkeit zum galoppieren und ausgiebigen Wälzen zur Verpflichtung machen würde, könnte man 80 % aller Lahmheiten verhindern.

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