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Mindfulness

Im Moment sein..... www.equidemia.com
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Heute habe ich einen ganz besonderen Artikel für euch. Diesmal nicht von mir, sondern von meiner lieben Freundin und Kollegin Hanna Voss.
Vor ca 20 Jahren, zu beginn unserer 20er, haben wir uns eines schönen Tages mal wieder unserer Lieblingbeschäftigung zugewand: Lange Spaziergänge mit meinem geliebten Hund.  Gut um den Kopf frei zu bekommen, den Stress von Studium, Marketing und Filmproduktionen hinter sich zu lassen. Und für gute Gespräche und tiefe Gedanken. Hanna war damals schon sehr klug und sagte: Wenn wir auf die 40 zugehen, dann wird sich alles nochmal verändern. Die meisten werden dann Heilpraktiker, Reitlehrer oder Yogatrainer. Schon damals konnte sie also in die Zukunft sehen, auch wenn ich wie immer nicht so lange warten konnte das mit dem Reitlehrer schon eine Dekade eher gemacht hab ;-)

Wir haben auf den ersten Blick verschiedene Wege gewählt. Während sich bei mir alles um Pferde dreht, ist Hanna Coachin geworden. Nicht nur sehr erfolgreich, sondern auch sehr kompetent, arbeitet Hanna heute als Trainerin und Coachin für Mindfulness im Alltag, Persönlichkeitsentwicklung und Mind-Body-Connection.  Auf den ersten Blick hat das nichts mit Reitkunst zu tun. Wer aber in der Kunst aktiv ist oder sich darum bemüht, hat lange verstanden: es geht vor allem um die eigene, persönliche Entwicklung, um seine Pferd ein besserer Partner zu werden. Und das hat alles mit Hannas Themen zu tun.
Wenn wir also heute mit dem Hund spazieren gehen, dreht sich unsere Gespräche immer noch darum: Wie kann ich den Weg zu mir und mit mir selber finden, und wie wirkt sich das auf mein Umfeld aus?

Ich freue mich sehr, dass sie sich vor Weihnachten die Zeit genommen hat, für uns nicht nur einige Informationen zum Thema zusammen zu stellen. Sogar mit 3 Erste-Hilfe-Meditationen, die uns helfen können, in unserem Alltag mit unseren Pferden mehr ins Jetzt zu kommen und Erwartungen loszulassen.

Enjoy the Journey!


Liebe Hanna,

Das Wort Mindfulness hören wir momentan an jeder Ecke. Was denkst Du darüber?
Das Wort Mindfulness bzw. Achtsamkeit fällt mittlerweile sehr häufig, das stimmt. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, was im jeweiligen Kontext gemeint ist und wer etwas anbietet bzw. darüber schreibt oder spricht.

Was ist Mindfulness eigentlich wirklich, ausser einem Modewort?
Das ist eine große Frage, auf die schon viele vor mir versucht haben, eine Antwort zu finden. 
Der Begriff kommt ursprünglich aus dem Buddhismus und stellt dort ein ganz zentrales Element der Lehre dar. Es beschreibt gleichzeitig eine Haltung, einen Zustand und auch das Ziel von buddhistischer Praxis in einem. 
Auf Pali (das ist die Sprache, die zu Lebzeiten des Buddha existierte), wird der Begriff sati verwendet. Sati wurde dann von den Engländern in Mindfulness übersetzt, bevor wir im Deutschen das Wort Achtsamkeit wählten. Beide Begriffe, sowohl Mindfulness als auch Achtsamkeit, spiegeln die ursprüngliche Bedeutung des Wortes sati nur bedingt wieder, einiges ist in der Übersetzung (sprachlich und kulturell) verloren gegangen. Kurz zusammengefasst wäre meine Antwort auf deine Frage:
"Achtsamkeit bedeutet, den gegenwärtigen Augenblick bewusst wahrzunehmen..." 
Das kriegen wir immer mal wieder hin, zum Beispiel wenn wir einen schönen Sonnenaufgang oder -untergang sehen, wenn wir den Duft der Tasse Kaffee am Morgen deutlich wahrnehmen, einem geliebten Wesen in die Augen schauen oder kurz vor einer wichtigen Prüfung spüren, wie unser Herz klopft und unsere Hände feucht werden. Die Zeit scheint stehen zu bleiben, und auf eine Art stimmt das auch. In diesen Momenten gibt es nur das Jetzt, keine Vergangenheit, keine Zukunft. Nur das Hier und Jetzt. 

 

Aber die Definition geht noch weiter: 

"...den gegenwärtigen Augenblick bewusst wahrzunehmen, ohne zu bewerten oder zu urteilen." 


Da wird es schon schwieriger. Wie häufig beurteilen wir sofort alles und jeden, was in unserem Bewusstsein auftaucht. Entweder gefällt uns etwas oder es gefällt uns nicht. Etwas ist gut oder schlecht. Wir wollen etwas (und davon am liebsten immer mehr: Geld, Anerkennung, Liebe, Schönheit...) oder wir wollen es nicht (Schmerzen, Einsamkeit, Niederlagen, Angst...). Die Realität soll also anders sein, als sie ist. 
Achtsam zu sein bedeutet, wahrzunehmen und erst einmal zu akzeptieren, was jetzt gerade ist. Und auch, Bewertungen wahrzunehmen, sofern sie statt finden. Ohne diese Bewertungen dann direkt auch wieder zu bewerten oder darüber zu urteilen. Mitzubekommen, wie der eigene Geist (die Gedanken, das Herz, die Psyche) und der Körper funktionieren. In einem zweiten Schritt können wir uns dann bewusst entscheiden, wie wir mit der Realität und dem Wissen darüber umgehen möchten, wie wir uns verhalten möchten. Wir können nur mit dem "arbeiten", was jetzt gerade ist.

Als Beispiel:
Wenn du geduldiger werden möchtest, kannst du mit deiner aktuell vorhandenen Ungeduld arbeiten. Du kannst üben, wahrzunehmen, wann du ungeduldig wirst und das erst einmal nur zu beobachten. So lernst du, mit deiner Ungeduld Geduld zu haben. Wenn du das konsequent praktizierst, wirst du mit der Zeit geduldiger werden.
Wir können also agieren und sind nicht länger im Reagieren gefangen. Und wir erfahren darüber hinaus, dass wir nicht unsere Gedanken, Gefühle oder Stimmungen sind. Denn "Ich" kann ja beobachten, wie beispielsweise Gedanken kommen und gehen und ganz bewusst entscheiden, ob "Ich" dem Gedanken 1. glaube und 2. nachgebe oder eben nicht. Also bin "Ich" nicht mein Gedanke. Es findet eine Nicht-Identifikation statt, die viele als sehr befreiend erleben und die einen riesigen Handlungsspielraum eröffnet. Und das hat Auswirkungen auf alle Lebensbereiche, weshalb Achtsamkeit mittlerweile in allen möglichen Kontexten Beachtung findet.  Im Englischen wird vermehrt auch der Begriff Heartfulness verwendet, weil es eben nicht nur um den Geist geht, sondern das gesamte Sein mit einschließt.

Generell denke ich, dass Achtsamkeit etwas ist, was man erleben muss, um es wirklich zu verstehen. Es gibt ja so Dinge. Wenn du noch nie geliebt hast, kannst du nicht verstehen, was Liebe ist. Wenn du noch nie eine Depression erlebt hast, kannst du nicht verstehen, was das bedeutet. Und mit der Achtsamkeit ist es ähnlich: Du kannst die Tiefe und das Potential nicht rein intellektuell erfassen. 
Und gleichzeitig ist es die gewohnte und "sichere" Art und Weise, in der wir Menschen (gerade aus der westlichen, sogenannten Bildungsschicht) uns gerne neuen Themen nähern. Und daran ist auch nichts verkehrt, aber nur das reicht eben nicht. Es ist wie das Lesen eines Buches über das Schwimmen: Es kann dir helfen, zu verstehen, welche Bewegungen dich über Wasser halten und warum. Aber wirklich schwimmen lernst du erst, wenn du ins Wasser gehst und das theoretisch Gelernte praktisch anwendest.

 

Die Gedanken mag ich sehr…. Nächste Frage: Gibt es, ähnlich wie in der Reitkunst, verschiedene Strömungen oder Schulen, die sich mit dem Thema beschäftigen?

Es gibt im Westen verschiedene "Programme", die für unterschiedliche Kontexte entwickelt wurden. Also z.B. gibt es neben dem spirituellen Bereich noch den medizinisch-therapeutischen oder Trainings zum Thema Selbstführung im Unternehmenskontext. Auch im militärischen Bereich wird das Achtsamkeitstraining vermehrt eingesetzt: Für eine erhöhte Konzentrationsfähigkeit der Scharfschützen genauso wie zur Stärkung der Residenz und zur Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen.
Das Ziel mag also jeweils sehr unterschiedlich sein, aber letztendlich basieren alle diese Ansätze auf derselben Quelle und einer ähnlichen Herangehensweise.
Allerdings gibt es gravierende Unterschiede in Bezug auf Meditation. Mit diesem Wort ist nicht immer die Achtsamkeits- oder Einsichtsmeditation gemeint. Eine weitere große Strömung ist die Transzendentale Meditation, die z.B. mit Mantren und Visualisierungen arbeitet.

Nach welchen Grundlagen arbeitest Du, und warum hast Du dich für diese Richtung entschieden?
Ich habe meine eigene Achtsamkeitspraxis - nach mehreren Jahren Yoga-Praxis - mit der buddhistischen Einsichtsmeditation Vipassana begonnen. Die Erfahrung hat mein Leben wirklich zutiefst verändert, weshalb es seitdem ein fester Bestandteil meines täglichen Lebens ist.
Freunde und Bekannte haben über die Jahre positive Veränderungen an mir wahrgenommen und mich immer mal wieder angesprochen, ob ich ihnen nicht etwas zeigen oder beibringen kann. Das habe ich mir zunächst nicht zugetraut und sie an meine eigenen Lehrer*innen verwiesen. Allerdings konnte sich kaum jemand vorstellen, für längere Zeit den Alltag hinter sich zu lassen und in einem Schweige-Retreat zu verschwinden. Ich glaube, es gab auch teilweise Berührungsängste, weil das vermeintlich Spirituelle für einige nicht einschätzbar und daher erst einmal abschreckend wirkte.
Also begab ich mich irgendwann auf die Suche nach einer Methode, die besser in den westlichen Alltag integrierbar war und bin vor einigen Jahren auf  das von dem amerikanischen Professor Jon Kabat-Zinn entwickelte Programm "Mindfulness Based Stress Reduction" (MBSR) gestoßen. Dieser Ansatz stellt die Stressreduktion, die Verbesserung der Gesundheit und der Lebensqualität in den Fokus, indem er die Jahrtausende alte Lehre der buddhistischen Meditation mit aktuellsten Erkenntnissen aus Psychologie und Stressforschung verbindet. Das hat mich überzeugt und so habe ich mich in den letzten Jahren als Trainerin ausbilden lassen. 
Daneben bin ich in meiner Arbeit stark beeinflusst von verschiedenen Ansätzen der Körperarbeit und auch der Traumaarbeit, weil mir die Verbindung und der wechselseitige Einfluss von Körper, Psyche und Geist immer klarer geworden ist. Der Körper spielt eine essentielle Rolle auf dem Weg zu Heilung und Wohlbefinden und er birgt so viel Wissen, das wir uns beispielsweise in Form einer guten Intuition wieder nutzbar machen können. Der Körper ist, anders als der Geist, immer im Hier und Jetzt. Daher ist auch bei der Achtsamkeitsmeditation das Einbeziehen der Körperempfindungen ein sehr wichtiger Bestandteil der Praxis.

Meiner Erfahrung nach sind Erwartungen immer ein ganz grosses Thema, dass uns auch gerne beim Lernen behindert. Deswegen frage ich mal ganz frei heraus: Ist mein Leben dann immer einfacher und “schön” wenn ich nach dieser Philosophie lebe?
Hahaha...schöne Frage. Ist die Realität immer einfach und schön? Wenn, dann bin ich noch nicht da. Und ich habe auch noch niemanden getroffen, der es ist.
Achtsamkeit hilft, sich der Realität zu stellen, so wie sie ist. Die Realität auszuhalten und zu verstehen, wie wir sie selbst beeinflussen. Das bedeutet, unser Leben mit der Zeit immer bewusster gestalten zu können und uns unserer Wahlmöglichkeiten bewusst zu werden.
Häufig bringt das aber auch viel Schmerz mit sich, den wir zunächst zulassen und akzeptieren müssen, ihn also spüren müssen, um ihn schließlich loslassen zu können.
Und gleichzeitig hilft Achtsamkeit natürlich auch, mitzubekommen, was alles Wunderschönes im Leben passiert. Und davon gibt es eine Menge. Der amerikanische Psychologe und Neurowissenschaftler Rick Hanson, der außerdem Dharma Lehrer ist, hat mal gesagt: „Unser Geist ist wie Klettband für negative Erfahrungen und wie Teflon für positive.“  Was evolutionär betrachtet auch durchaus Sinn macht. Durch Achtsamkeitstraining können wir lernen, wirklich alles bewusst wahrzunehmen – also auch all das Gute, das uns umgibt. Das wirklich zu genießen und dann aber auch wieder gehen zu lassen, wenn es vorbei ist. Generell werden wir feinfühliger. Wir nehmen intensiver wahr, was ist.
Insofern: Die Achtsamkeitspraxis kann dein Leben definitiv enorm bereichern. Du wirst dich selbst besser kennenlernen und eine klarere Vorstellung davon bekommen, was es für dich braucht, um ein erfülltes Leben zu führen. Du kommst dir selbst immer mehr auf die Schliche. Du wirst nach wie vor nicht entscheiden können, was dir im Leben begegnet, aber du kannst anders - bewusster - damit umgehen und den Entscheidungs- und Handlungsspielraum nutzen, den du hast. Und der ist viel größer, als uns meistens bewusst ist. 

 

Warum würdest Du empfehlen, mit dem Training zu beginnen?
Weil es ein Leben zutiefst zum Positiven verändern kann, das zeigen die Erfahrungen mehrerer Millionen anderer Menschen. Nicht wenige beschreiben es als einen der wichtigsten Schritte in ihrem Leben, als sie angefangen haben, Achtsamkeit zu praktizieren und können sich ein Leben ohne die Meditation gar nicht mehr vorstellen. Wenn du dein Leben wirklich mitbekommen möchtest, dann ist dies eine wundervolle Gelegenheit dazu.
Viele wissenschaftlich fundierte Studien belegen, dass allein das 8-wöchige MBSR-Programm positive Veränderungen in Bezug auf Gesundheit, Stress, Lebensqualität, Beziehungen und Wohlbefinden zur Folge hat. Nach nur 8 Wochen!
Und es geht ja noch darüber hinaus: Wir stehen gesellschaftlich und global vor enormen Herausforderungen. Wir brauchen jede und jeden Einzelnen wach, klar und präsent, um gute Lösungen zu entwickeln und diese auch umzusetzen. Die Herausforderungen sind so immens, dass viele Menschen wie gelähmt sind und darauf warten, dass irgendjemand irgendetwas tut. Weil es schier überwältigend scheint. Achtsamkeitsmeditation gibt uns auch hier die nötige Kraft, der Realität ins Auge zu sehen und dabei handlungsfähig zu bleiben. 

Was sind denn die ersten Schritte? 

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, je nachdem, was du möchtest, wie dein Leben gerade aussieht, usw.

Wenn du noch nie in Kontakt warst mit der Achtsamkeitspraxis, wenn du also ein/e komplette/r Neuling*in bist, dann setz dich doch vielleicht einfach mal für 5 Minuten alleine in einen Stuhl, schließe deine Augen, nimm wahr, dass du atmest. Nimm wahr, wie dein Körper sich anfühlt, ob es Gedanken gibt. Schenke dir selbst 5 Minuten deiner Zeit und führe ein Check-in durch: „Wie geht es mir gerade?“ Mache dir bewusst, dass du am Leben bist. Woran merkst du das?
Dann gibt es verschiedene Meditationsapps, die teilweise auch wirklich gut sind, wie 7Mind oder Headspace. Sie sind ein guter Einstieg und ich glaube, es gibt auch eine kostenlose Version.
Wer möchte, kann natürlich auch nach einem Kurs in der Umgebung suchen und mit einer Lehrperson gemeinsam in einer Gruppe tiefer in das Thema einsteigen. Kurse in Meditation findest du z.B. in buddhistischen Zentren. MBSR wird in der Regel von privaten Lehrpersonen angeboten und ist maßgeschneidert für die Integration in den westlichen Alltag. Solch ein Kurs bietet einen wirklich guten Einstieg in das Thema. Hier erlernst du Schritt für Schritt eine selbständige Praxis, so dass du anschließend keine Anleitung von außen mehr benötigst. Allerdings ist der Begriff MBSR nicht geschützt - schau dir also am besten genau an, wo die Person gelernt hat und wie lange und ernsthaft sie selbst praktiziert.
Auf meiner Internetseite www.hannavoss.de  gibt es drei geführte 15-minütige Meditationen, die sich als Einstieg gut eignen und einen "Erste-Hilfe-Koffer" gegen Stress, mit 3 effektiven Übungen, die dich schnell wieder in den Körper und in den Moment zurückholen.


Hanna Voss

…ist Achtsamkeitstrainerin, MBSR-Lehrerin, Coach für soziale Innovationen und Forschende zu Themen persönlicher und gesellschaftlicher Entwicklung.
Diese Bereiche gehören für Hanna untrennbar zusammen. Denn während sie als Achtsamkeitstrainerin Menschen dabei hilft, Zugang zu ihrer eigenen Weisheit und Intuition zu entwickeln und innere Ruhe und Frieden zu erfahren, unterstützt sie als Coach für soziale Innovationen Menschen und Organisationen darin, gemeinschaftlich aktiv zu werden und Lösungen zu entwickeln, die heilsam für den Planeten und dessen Bewohner*innen sind.
Hannas akademischer Hintergrund liegt in der Sozial- und Kulturanthropologie, dem sozialen Unternehmertum und der Wirtschaftspsychologie. Sie praktiziert die buddhistische Einsichtsmeditation Vipassana seit 2010 und ist ausgebildete MBSR-Trainerin nach Jon-Kabat Zinn. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
Mehr zu Hanna und ihrer Arbeit auf:
www.hannavoss.de
www.socialinnovationcoach.de

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