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Wellness für dein Pferd (3) - das craniomanidibuläre System

Bild: A.M. Anderson
Segovia entspannt tief bei der Massage des Masseters. www.equidemia.com

Das craniomandibuläre System ist beim Pferd vor allem für das Kauen zuständig. Dysfunktionen in den Bereich zwischen Schädel (Cranium) und Kiefer (Mandibular) in diesem Bereich wirken sich auf das ganze System des Pferdes aus. Und die allermeisten Pferde sind in der einen oder anderen Art davon betroffen. Anatomisch sind die Zusammenhänge gar nicht so schwer zu verstehen. Lass uns das gerne kurz etwas genauer ansehen.
Die eine Verbindung die des Schädels und Oberkiefers mit dem Atlas, die andere die Verbindung über Kiefer und Zungenbein über Brustbein und Brustkorb in die Hinterhand. Von der oberen Linie ist den meisten Reitern noch das Nackenband ein grober Begriff. Das sich dieses später als Rückenband bis in die Hinterhand forstsetzt, ist schon nicht mehr so oft bekannt. Außer dem Ligamentum Nuchae (dem Nackenband) hängen hier auch noch viele andere Muskeln und Faszien dran. Ein weiterer spannender Fakt ist, dass die harte Hirnhaut (Dura mater) sich vom Schädel durch das Rückenmark bis zum 2.Sakralwirbel zieht. Die Verbindung von Kopf und Becken ist also unabdinglich.  Lass uns einen kleinen Exkurs in die Anatomie des Pferdes machen, um einen besseren Überblick zu bekommen.


Grob funktioniert die Unterteilung der Muskelketten so:

 

Die dorsale (also obere) Muskelkette mit M. Splenius, Lgg. Nuchae, M. Longissimus (das ist der lange Rückenmuskel), Faszia Thoracolumbalis und M. Gluteus. Was bedeutet: Alles, was im Genick passiert, passiert auch in der Hinterhand.  In Reiterprache sagen wir: Genick und Hüfte spiegeln sich, oder in einem Wort zusammengefasst: Stellung.

Die zweite an dieser Stelle wichtige Kette ist die ventrale (untere) Muskelkette, zu der zum Beispiel die Bauchmuskulatur (Mm. Abdomini mit Linea Alba), die Muskeln der Thoraxschlinge (Mm. Pectoralii, M. Serratus) und die tiefe Bauchmuskulatur, Mm. iliopsoas gehören. Spannend ist hier, dass Bauchmuskulatur und die Muskulatur der Thoraxschlinge mit dem hinteren Ende des Brustbeines verbunden ist. Mit dem vorderen Ende des Brustbeines sind wiederum 5 Muskelstränge verbunden, die am anderen Ende mit Zungenbein und Kiefer verbunden sind, z.B. der M. sternomandibularis (der heißt sogar so – vom Sternum zum Kiefer
😉 Auch hier kannst Du die direkte Verbindung zwischen Kopf, oder in diesem Fall genauer Unterkiefer, und Hinterhand klar erkennen.

 

Wenn wir in Reitersprache also sagen, dass Genick und Hüfte sich spiegeln, dann haben wir die groben anatomischen Zusammenhänge schon ganz gut verstanden. Wenn uns das sogar in der reiterlichen Arbeit gelingt, ist es sogar noch besser im Blick. Das Brustbein, dass der Schlüssel zum Brustkorb und damit zum Mittelteil des Pferdes ist und dabei ebenfalls eine Schlüsselfunktion im Rahmen der Stellung spielt, schauen wir uns bei anderer Gelegenheit mal genauer an.


Warum ist das wichtig?

 

In der Humanmedizin ist schon seid sehr langem die Rede von craniomanidibulären Dysfunktionen. Dieses Monsterwort besagt eigentlich nichts anderes, als das Probleme im Kiefer und in den Zähnen sich im ganzen Körper als Schmerz äußern und manifestieren können. Migräne, Kieferschmerzen, Schmerzen in der Halswirbelsäule, in der Brustwirbelsäule und vor allem sehr gerne in der unteren Lendenwirbelsäule aber auch im Knie sind meistens mit einer Dysfunktion im Kiefer verbunden. Und umgekehrt genauso- Rücken- oder Knieprobleme manifestieren sich wunderbar im Kiefer. Egal, ob die Folgekette sich nun aufsteigend oder absteigend präsentiert – das Symptom ist oft an beiden Enden zu finden. Beim Pferd ist dieses Bild noch wenig genau erforscht. Der Logik der Muskultur und faszialen Ketten folgend, und vor allem der praktischen Erfahrung nach, ist das allerdings nicht viel anders.

 

 

Das wir bei Pferden in der Praxis Probleme im Kiefer und Atlas finden, ist überproportional häufig. Natürlich ist keiner von uns gerade. Die natürliche Schiefe gehört zum Leben einfach dazu, und auch mit aller Gymnastik der Welt wird ein guter Therapeut, wenn wir genau suchen, immer eine Spannung hier oder da finden.  Manifestieren Spannungen sich aber, oder werden fälschlicher Weise als Ungehorsam des Pferdes angesehen, ist das oft weniger lustig. Bei unseren Pferden kommen jedoch noch weitere Ursachen dazu, die besonders bei stetig wiederkehrenden Problemen anzusehen sind. Einige davon findest Du hier:

  •        Kiefer und Zähne sind vor allem zum Kauen von raufaserigem Material gemacht. Die vordere Zahnreihe ist für das Abzupfen von Blättern, Rinde und Gräsern gemacht, der hintere Teil ist für das Zermalmen zuständig. Abgesehen davon, dass eine zu kleine (oft moderne) Kopfform nicht allen Pferden genug Platz für ihre Zähne lässt, ist mangelndes und zu weiches Raufutter oft ein Problem. Kraftfutter oder klein gehäckseltes Raufutter wird auf der hinteren Kauleiste zerkaut. Die Vorderzähne werden dazu nicht benutzt und stehen mit den Jahren oft immer schiefer.

  • Wenn der Kopf unten auf Bodenhöhe locker in Fresshaltung hängt, geht der Druck automatisch vom Unterkiefer. Er hängt locker in seiner Struktur und kann seinen Dienst tun. Im Idealfall sogar mit ständiger, langsamer Vorwärtsbewegung. Ist die Fresshaltung an sich also schon unnatürlich hoch, begünstigt dies natürlich Läsionen in diesem Bereich. Besonders hoch aufgehangene Raufen oder Heutnetze, Heutoys oder ähnliche Dinge, die so lustig durch die Luft fliegen, helfen da eher wenig und verstärken die Spannungen in Genick und Kiefer eher noch.
  • Hufstatik, ein anderer spannender Aspekt. Ungleich hohe Vorderhufe, schiefe Wände, Druck, Hufgeschwüre, Fehl- oder Kompensationshaltungen – alle Unklarheiten der Basis wirken sich über die Vordergliedmaße auf Brustkorb, Brustbein und damit auf das craniomandibulare System aus. Und umgekehrt natürlich ebenso. Ist das Pferd auf der Köperlichen Ebene Schief, kann der beste Schmied der Welt hier keine geraden, ausbalancierten Hufe hinzaubern. Einer der Gründe, warum es super ist, wenn Schmied, Therapeut und Reitlehrer eng zusammenarbeiten.
  • Schiefe in der Hinterhand. Bei den meisten Pferden finden wir ebenso wie Probleme im Kiefer und Genick eine Schiefe im Becken. Genauso, wie diese Läsion von vorne nach hinten weiter gegeben werden kann, geht es natürlich auch in die andere Richtung.
  • Der Vollständigkeit halber müssen wir auch an den Reitersitz denken. Der Reiter sitzt auf dem Brustkorb, mitten auf der Wirbelsäule. Sitzt der Reiter schief oder hat selber körperliche Themen, übertragen diese sich am hinteren Ende auf das Becken und, wer hätte es gedacht, über die Ursache-Folge-Kette am vorderen Ende auf Cranium. Tadaaa.
  •  Last but not least, die Einwirkung der Reiterhand.
    Egal für welche Zäumung wir uns entscheiden – mit oder ohne Gebiss, Bosal, Caveson, Cave-wasauchimmer, Hackemore, Trense, Glücksrad, Kandare oder sogar Halsring: Einfluss auf das craniomandibulare System hat es IMMER. Wer glaubt, das Gebisslos zwangsläufig immer besser ist, hat noch nicht verstanden, dass die allermeisten gebisslosen Zäumungen direkt auf den Kiefer einwirken oder sogar zusammenpressen, wenn die Hand nicht nachgibt. Wirken sie nicht auf den Kiefer, dann über einen Zug im Genick. Das Knotenhalfter oder ein Miklem ist ein wunderbares Beispiel dazu. Mit Gebiss wirken wir direkt auf den Unterkiefer ein. Und sogar der Halsring übt Druck auf das Brustbein aus – und damit indirekt auf die Position von Genick und Kiefer. Eine ungefährliche Zäumung gibt es nicht, nur einen gut balancierten Reiter, der handunabhängig sitzen kann und eine Hand, die nachgeben lernt.

In dem kleinen Video ist schön der Zusammenhang zwischen Lendenwirbelsäule und Zungenbein / Kiefer zu sehen. Das ist aber was für ausgebildete Therapeuten und nicht zum Spielen geeignet ;-)


Typische Symptome für Probleme am Kiefer können u.a. sein:

  •   Das Pferd kaut IMMER nur in eine Richtung.
  • Permanent leichtes schiefhalten im Kopf, oder auch im Schweif.
  • Kopfscheue.
  • Taktunklarheiten. 
  • Lahmheiten.
  • Probleme beim Galoppansprung.
  • Probleme beim Zäumen, und zwar auch beim Abgeben des Gebisses.
  • Im Kot sind Kraftfutterbestandteile deutlich zu erkennen und wiederzufinden.
  • Lichtempfindlichkeit, Empfindlichkeit bei Hell- Dunkelunterschieden. 
  • Spontane „schlechte Laune“, Launigkeit (Kopfschmerzen).
  • Kopfschlagen.
  • Löst nicht zur Hand. 
  • Feste Unterlinie.
  • Zähne werden sehr uneben abgenutzt, der Pferdezahnarzt hat immer gut zu tun.
  • Stolpern der Vorhand.
  • Immer wieder die gleiche osteopathische Läsion in einem anderen Teil des Pferde, gerne in der Lendenwirbelsäule oder unterem Hals.
  • Die Masseter Muskulatur (Kiefermuskel, an der Ganasche zu finden) ist deutlich sichtbar, es zeigen sich Streifen unter der Haut (oft auch ein Zeichen für seelischen Stress).
  • Nebenhöhlenentzündungen.

 

Wenn Du also bisher noch gezweifelt hast, ob Massage und Akupressur am Kiefer überhaupt was für dein Pferd ist, kannst Du jetzt sehen: Die allermeisten Pferde können davon irgendwie profitieren, und wenn es nur zur Entspannung ist.
Ich mag es, wenn ich mir keine Sorgen darum machen muss, dass jemand mit den hier online gestellten Techniken quatsch macht. Deswegen habe ich auch heute zwei sehr effektive, aber simple Entspannungstechniken für euch vorbereitet, die mit dem minimalsten Druck von 2-4 Gramm ausgeführt werden dürfen. Bitte beachte: Es handelt sich um eine Wellnesstechnik, nicht um eine Behandlungsmethode oder gar eine Heilungsversprechen! Dafür solltest Du dir immer einen guten Tierarzt oder Therapeuten vor Ort suchen.

Und wie immer – CAVE!
Sollte dein Pferd mit einer Schmerzreaktion reagieren, den Kopf wegziehen wollen oder sogar Angst haben und beißen – versuch dich sehr vorsichtig heran zu tasten und erst mal nur die Hand zu heben, ohne den Pferdekopf zu berühren. Sollte die Abwehrreaktion immer noch so deutlich zu erkennen sein – GANZ DRINGEND UND SOFORT den Experten hinzuziehen. Viele unerkannte Lahmheiten und auch psychische Probleme manifestieren sich hier. Niemals dein Pferd zwingen, und lieber noch mal bei unserer ersten Faszien Technik, dem Abstreichen der Oberlinie, beginnen. Hierbei bekommst Du oft ein gutes Gefühl für dein Pferd, und dafür, was es mag. Wieviel oder wenig Druck? Langsame oder schnelle Bewegungen? Wie sehr traut es deinen Händen schon?


Ran an's Pferd

 

Die Serie ist dafür gedacht, die Techniken gerne auch hinter einander anzuwenden. Es ist nicht besonders freundlich und  respektvoll, sich direkt auf den Pferdekopf zu stürzen und mal kurz was neues zu probieren. Fange gerne mit Teil 1 und Teil 2 an, bevor Du dich am Kopf versuchst. Dann habt ihr auch beide eine Chance, in die richtige Ruhe und Entspannung zu kommen.

 

Masseter Massage

 

Der Masseter Muskel ist der große Kiefermuskel. Er ist in 4 verschiedenen Lagen und Muskelfaserrichtungen aufgebaut. Bei dieser sanften Massagetechnik arbeiten wir mit der obersten Schicht, denn diese können wir gut erreichen. Lege deine Fingerspitzen auf einer Seite sanft auf die Ganasche, knapp unterhalb des Jochbeins. Warte darauf, dass Du spürst, dass dein Pferd sich unter der Berührung entspannt. Dann bewege in Zeitlupe die Hand nach unten-hinten und streiche die Muskulatur ganz sanft aus. Wiederhole so oft, bis das Pferd merkliche Entspannungssignale aussendet. Dann erst bearbeite die andere Seite des Kiefers, genauso sanft, langsam und nachhaltig.


Akupressurpunkt am Masseter

Ungefähr hier findest Du bei den Akupressurpunkt. Weil Körper unterschiedlich sind, kann er auch deutlich höher oder tiefer liegen. Fingerspitzengefühl ist gefragt.
Ungefähr hier findest Du bei den Akupressurpunkt. Weil Körper unterschiedlich sind, kann er auch deutlich höher oder tiefer liegen. Fingerspitzengefühl ist gefragt.

 

Mitten auf dem Unterkiefer, auf dem Magen Meridian,  ist dir beim ausstreichen vielleicht schon aufgefallen, dass ein Punkt hier hervorsticht. Bei manchen Pferden ist es ein „Kuhle“, also ein muskuläres Loch, dass sich zeigt. Bei anderen eher ein Knubbel. Ist es ein Knubbel, reden wir von einem Triggerpunkt. Ist es ein Loch, dann sagt der Akupunkteur etwas von einer energetischen Leere. Auch befindet sich in dieser Position ein neurolymphatischer Reflexpunkt, der eine Wirkung auf Nacken und Halsmuskulatur hat. Egal was, die Anwedung ist identisch.
Du darfst auf diesen Akupressur Punkt ebenso ganz sanft, und mit viel weniger Druck als bei einer Triggerpunkt Massage, zwei Finger legen. Biete ganz leichten Druck an. Wenn dein Pferd sich mehr wünscht, wird es sich an deine Finger heran drücken – ganz von alleine. 
Vielleicht gelingt es dir bereits, in deinen Fingerspitzen ein Pulsieren zu spüren. Dann wartest Du einfach, bis dieses Pulsieren aufhört. Meist wird es erst stärker, dann schwächer und ist schließlich ganz weg. Vielleicht spürst Du Hitze, oder zumindest einen Temperaturunterschied. Vielleicht spürst Du auch gar nichts. Dann lass deine Finger einfach ca. 90 -120 Sekunden hier liegen. Dein Pferd sollte dann deutliche Entspannungssignale zeigen. Auch hier gilt: erst die eine, dann die andere Seite, niemals beide gleichzeitig. Du darfst aber gerne die zweite Hand auf Nasenrücken oder der anderen Seite ablegen nd damit deinem Pferd Sicherheit geben.


 

Ist das Pferd sehr entspannt, sieht es schon mal so aus wie bei Segovia auf dem Foto. Dann darfst Du auch gerne mit in die Knie gehen und dem folgen. Entspannt sich dein Pferd nicht? Dann frag mal kurz nach, wie es dir gerade so geht, ob Du angespannt, gestresst oder sonst mit den Gedanken woanders bist 😉 Und: Atmen hilft.

Wenn die Muskulatur sich hier löst, kann das eine oder andere Pferd schon mal etwas alten Schleim lösen, oder ein Abhusten kommt. Das ist eine gute Sache, nicht erschrecken. Aber auch hier gilt: Gerne die Ursache mit Hilfe eines Experten suchen.

 

 

 

Ich wünsche dir und deinem Pferd viel Freude beim Probieren und Entspannen. Ich freue mich wie immer über eure Erfahrungen und Feedback.


Enjoy the journey!

PS: Falls Du es noch nicht gelesen hast, empfehle ich dir auch den Artikel von Frauke zum C-Faser Touch System.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Claudia (Sonntag, 15 Dezember 2019 11:05)

    Wow - sehr umfassender Artikel! Danke Celina!

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