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Deutsch: Scratch me, if you can!

Hast Du dich schon an Teil 1 und Teil 2 der DIY-Massage probiert? Und warst Du vielleicht erstaunt darüber, mit wie wenig Berührung Du eine so wunderbare Reaktion in deinem vierbeinigen Freund auslösen konntest? Hast Du vielleicht auch schon über die Unterschiede zwischen einer "normalen" Massage (die die meisten Pferde ebenfalls geniessen, besonders wenn Spannungen gelöst werden) und dieser wunderbaren Art der sanften Berührung nachgedacht?

Als ich das erste Mal Fraukes Pferde behandeln durfte, und wir gemeinsam diese Reaktion bestaunt haben, kamen wir ins Gespräch. Was ich in jeder Behandlung immer noch als ein bisschen "Zauberei" erlebe, konnte sie natürlich erklären ;-)

Persönlich fand ich es extrem spannend, zu verstehen was auf neurobiologischer Ebene im System des Pferdes passiert. Das macht mich nicht nur zu einer besseren Therapeutin, sondern beugt auch dem Ruf als "Hexe" vor ;-)

Auf mein Bitten hin hat Frauke für euch einen Artikel zusammengestellt. Besonders das C-Fiber Touch System ist spannend für alle Therapeuten, Body-Worker - und natürlich jeden Pferdemenschen.
Wie immer freuen wir uns über euer Feedback, Fragen und Ideen!
Enjoy the journey!


www.equidemia.com
Allogrooming zwischen Mensch und Pferd. Diese junge Damen hat die körperliche Zuwendung immer als Belohnung bevorzugt. Als Fredriksborger Stute mit einem starken Charakter gesegnet, fordert sie Belohung nach der Arbeit ein.

 

Neurobiologische Grundlagen der Equinen Massage

 

by

Frauke Musial

 

 

 

Die entspannende und wohltuende Wirkung von Massage wird von vielen Menschen sehr geschätzt. Mittlerweile gilt es als wissenschaftlich belegt, dass Massage und verwandte Varianten manueller Therapien beim Menschen tiefenentspannende Wirkung entfalten. Das gilt selbst für schwere Angstzustände wie etwa der generalisierten Angststörung [1]. Aber wie sieht es bei unseren vierbeinigen Gefährten, den Pferden aus?

 

 

 

Pferde lieben gegenseitige Fellpflege. Dabei stehen sie in aller Regel Kopf zu Schweif gegenüber und beknabbern sorgfältig bestimmte Körperteile ihres Gegenübers, wie Widerrist, Mähne, Nacken, und die  vorderen und hinteren Rückenpartien. Dieses Verhalten stellt einerseits eine notwendige Fellpflege dar, andererseits darf man davon ausgehen, dass gegenseitiges Grooming (Fellpflege), ebenso wie bei Primaten (einschließlich des menschlichen Primaten) auch eine grundlegende soziale Funktionen erfüllt. Die psychobiologischen Auswirkungen dieses so genannten "gegenseitigen" oder "allo" -Grooming beruhen auf Funktionen des Berührungssinnes (somatosensorisches System) und des Tastsinnes (taktile Wahrnehmung) des Pferdes ("Kapitel 11 - Taktile Perception of the Horse" in Leblancs Buch "The Mind of the horse”) [2]).

 



 

Wie in Kapitel 11 von Leblancs Buch zusammengefasst, sind die bevorzugten Stellen für Allogrooming zwischen Pferden der Widerrist, der Hals, und die Kruppe [3]. Dies gilt auch für den Fall, dass der Grooming Partner menschlich ist: In der zitierten Studie führte auch die vom Menschen ausgeführte Massage (Kratzen / Reiben) an den o.g. Stellen bei Pferden zu einer Entspannungsreaktion, die mit einer Verringerung der Herzschlagfrequenz einherging. Bemerkenswert ist, dass die Verringerung der Herzschlagfrequenz auch nach dem Ende der Massage andauerte [3]. Aus diesen Resultaten kann man schlussfolgern, dass Massage und / oder Allogrooming egal ob von einem vierbeinigen Freund oder von Menschenhand durchgeführt, angenehme, entspannende, wohltuende, und damit stressreduzierende Effekte auf das Pferd ausüben. Die Autoren schlussfolgern daher auch, dass Massage zur Beruhigung von Pferden in leichten bis mittelschweren Stresssituationen eingesetzt werden kann.

 

 

 

Auch wenn die Anzahl der wissenschaftlichen Studien zur Massage bei Pferden noch begrenzt ist, so hat Massagetherapie für Pferde möglicherweise sogar mehr zu bieten als nur Entspannung. Sullivan, Hill und Haussler [4] testeten die Wirkung von Massage gegen andere Therapien auf einen experimentellen Schmerzreiz bei gesunden Pferden. Es zeigte sich, dass sowohl Massage, wie auch eine chiropraktische Behandlung die Reaktion der Pferde auf die experimentellen Schmerzen verminderten, d.h. die Pferde waren robuster gegenüber dem experimentellen Laborschmerz. Diese Ergebnisse sind insofern interessant, als dass sie eine spezifischere Wirkung der Massage auf das Schmerzerleben nahelegen. Die Tatsache, dass die Studienteilnehmer offensichtlich gesunde und schmerzfreie Pferde waren, unterstreicht die grundlegende Bedeutung dieses wissenschaftlichen Befundes für die Praxis.

 

 

 

Eine aktuellere Studie von Kowalik und Mitarbeitern [5] untersuchte die Auswirkungen einer entspannenden Massage auf Herz-Kreislauf-Funktionen (Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität) bei arabischen Rennpferden während ihrer ersten Rennsaison. Die Anzahl der an der Studie teilnehmenden Pferde war mit 72 bemerkenswert hoch. Es sollte beachtet werden, dass auch diese Studie keine klinische Studie war, da nur gesunde Pferde teilnahmen. Mehr noch, eigentlich muss man die teilnehmenden Pferde als hervorragend trainierte Athleten bezeichnen! 

 

Das Massageprotokoll war ziemlich aufwändig, dauerte zwischen 25 und 30 Minuten, und wurde an drei Tagen in der Woche während der gesamten Rennsaison durchgeführt. Am Beginn jeder Sitzung legte der Therapeut zunächst einmal ruhig die Hände auf das Pferd um eine Verbindung mit dem Probanden herzustellen. Anschliessend bestand die Massage aus Behandlungsbausteinen wie Reibung, leichtes Schütteln des Gewebes, sowie anderen Elementen der klassischen Massage. Diese massierenden Bewegungen sollten Muskeln, Sehnen und Bänder lockern und die Durchblutung fördern. Behandelt wurden Nacken, das Schulterblatt, obere Vorderläufe, Widerrist, Rücken, sowie die Kruppe. Die Ergebnisse zeigten, dass die behandelten Pferde während der gesamten Rennsaison entspannter und ruhiger waren. Darüber hinaus zeigten die Pferde in der Massagegruppe bessere Leistungen auf der Rennbahn, ein Ergebniss, das wahrscheinlich für die Besitzer der Pferde ebenso eine hohe Relevanz hatte [5].

 

 

 

So aufregend diese Ergebnisse auch sind, die Aussagekraft dieser Studie ist eingeschränkt, da es keine weitere Kontrollgruppe als die unbehandelte Gruppe von Pferden gab. Es ist daher nicht möglich genau zu sagen, ob die Effekte der Behandlung auf die Massage selbst, oder auf die zusätzliche Zeit zurückzuführen sind, die die Therapeuten mit dem Pferd verbracht haben. Aufmerksamkeit und Zuwendung können an sich schon als positiv empfunden werden, und damit entspannende Effekte auslösen, ohne dass das Pferd überhaupt berührt wird. Nichtsdestotrotz sind diese Resultate interessant und es gibt tatsächlich Grund zu der Annahme, dass die angstlösenden und entspannenden Wirkungen der Massage spezifisch sind und durch einen bestimmten neuronalen Mechanismus, das C-Faser-Berührungssystem, einem auf Berührung spezialisierten System von Nervenzellen, vermittelt werden.

 


Behandlung des Unterkiefers. Celina berührt das Pferd nur minimal, und spricht so das C-Fiber System des Pferdes an.
Behandlung des Unterkiefers. Celina berührt das Pferd nur minimal, und spricht so das C-Fiber System des Pferdes an.

 

Insbesondere die Forschungsgruppe um Francis McGlone [6] beschäftigt sich seit einigen Jahren mit dem o.g. C-Faser-Berührungssystem, welches einen möglichen biologischen Mechanismus darstellt, der die entspannenden und angstmindernden Wirkungen der Massagetherapie für den Menschen erklären kann. Dieses System besteht aus Nervenzellen, sog. Sensoren, die spezifisch auf leichte Berührung reagieren (mechanosensorische C-Fasern mit niedriger Schwelle). Das System stellt sozusagen ein Messinstrument des Nervensystems für zarte und angenehme Berührung dar und ist seit geraumer Zeit aus Tierversuchen bekannt. Die Messfühler (Sensoren) dieses Systems kommen vor allem in der Haut vor und befinden sich normalerweise an der Basis der Härchen/Haare innerhalb der Hautschichten. Das C-Faser Berührunssystem erreicht im Gehirn Areale, die für die angenehmen Empfindungen im Zusammenhang mit Berührung zuständig sind. Darüber hinaus führt die adäquate Stimulation dieses Systems wie z.B.  Streicheln oder sanftes Reiben der Haut (oder des Fells) zur Freisetzung des Hormons Oxytocin. Oxytocin ist ein Hormon, dass für emotionale Bindung verantwortlich gemacht wird, wie z.B. die zwischen Mutter und Kind [6-10]. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das C-Faser-Berührungssystem dem Teil des Nervensystems entspricht, der dafür zuständig ist, dass wir es als angenehm, entspannend, und wohltuend empfinden, sanft berührt oder gestreichelt, oder eben massiert zu werden.

 

 

 

Die Identifizierung des „CT-Systems“ ist eine der aufregendsten Entdeckungen der Neurowissenschaften der letzten Jahre! Dieses System aus Nervenfasern nimmt seinen Ausgangspunkt in der Haut und erreicht Gehirnstrukturen, die in viele emotionale Funktionszusammenhänge involviert sind. Diese Tatsache passt gut zu der Beobachtung beim Menschen, dass Massagen und ähnliche Therapien starke Gefühle auslösen können [11]. Wir können nur spekulieren, welche Rolle dieses neurophysiologische System bei sozialen Tieren spielt, höchstwahrscheinlich eine eher noch wichtigere Rolle als bei dem „kognitivsten“ aller Wesen der Tierwelt, dem Menschen. McGlone und Kollegen [12] argumentieren schlüssig, dass das CT-System die neuronale Basis für positive, angenehme soziale Emotionen ist, und die Basis für Wohlempfinden durch Berührung darstellt. Wenn wir diese Schlussfolgerung akzeptieren, dann müssen wir auch akzeptieren, dass Massagen und verwandte Therapien spezifische neurophysiologische Wirkungen haben, da sie auf einem fundamentalen und evolutionär bestimmten Bedürfnis sozialer Tiere nach Haut-zu-Haut-Kontakt mit Artgenossen aufbauen.

 

 

 

Was bedeuten diese eher abstrakten wissenschaftlichen Erkenntnisse für uns Reiter, Pferdetherapeuten und jeden, der mit Pferden umgeht? Die oben beschriebenen stresslindernden und entspannenden Effekte der gegenseitigen Fellpflege zwischen Pferden, ebenso wie «Fellpflege» und Masssage durch menschliche Behandler, beruhen auf einem genetisch-physiologisch bedingten Bedürfnis des Pferdes als soziales Tier. Hautkontakt, gegenseitige Berührung, und soziale Fellpflege sind fundamentale Grundbedürfnisse von Pferden. Wenn sie isoliert gehalten werden, ohne die Möglichkeit, diese Bedürfnisse zu befriedigen, leiden sie! Glücklicherweise hat das Bewusstsein dafür, dass Pferde soziale Wesen sind, in den letzten Jahrzehnten zugenommen, und die Haltungsbedingungen für unsere vierbeinigen Freunde haben sich für viele von ihnen erheblich verbessert.

 

 

Darüber hinaus sollten diese wissenschaftlichen Erkenntnisse Auswirkungen auf unser Selbstverständnis und unser Verhalten als «Pferdemenschen», Equestrians haben: Wenn Du Deinem Pferd begegnest, überfalle es nicht, sei höflich und warte (z. B. mit einer ausgestreckten Hand) bis es zuerst Kontakt aufnimmt und Dich berührt. Dann kannst Du dein Pferd zunächst an den beliebtesten Stellen (besonders am Widerrist, an der Mähne und am Hals) berühren, streicheln, oder massieren. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Berührung beim Pferd eine Entspannungsreaktion auslöst (und im Gegenzug mit ziemlicher Sicherheit auch bei Dir selbst). Darüber hinaus wird durch die physiologische Entspannungsreaktion auf dieses “Allogrooming” eine Bindung zwischen Dir und dem Pferd aufgebaut und vertieft. Wenn Dein Pferd sich revanchieren möchte, lass’ es ruhig zu (natürlich vorsichtig). Es gibt keinen schöneren Beweis für eine positive, emotionale Beziehung, nenn’ es Freundschaft  zwischen Dir und Deinem Pferd, als wenn es Dir so sehr vertraut, dass es das Bedürfnis hat zurückzugeben, was es selbst empfindet!


Referenzen / zum Weiterlesen

 

1.            Sherman, K.J., et al., Effectiveness of therapeutic massage for generalized anxiety disorder: a randomized controlled trial. Depress Anxiety, 2010. 27(5): p. 441-50.

 

2.            Leblanc, M.-A., The mind of the horse - An introduction to equine cognition. 2013, Cambridge, Massachusetts, USA: Harvard University Press. 440.

 

3.            McBride, S.D., A. Hemmings, and K. Robinson, A preliminary study on the effect of massage to reduce stress in the horse. Journal of Equine Veterinary Science, 2004. 24(2): p. 76-81.

 

4.            Sullivan, K.A., A.E. Hill, and K.K. Haussler, The effects of chiropractic, massage and phenylbutazone on spinal mechanical nociceptive thresholds in horses without clinical signs. Equine Vet J, 2008. 40(1): p. 14-20.

 

5.            Kowalik, S., et al., The effect of relaxing massage on heart rate and heart rate variability in purebred Arabian racehorses. Anim Sci J, 2017. 88(4): p. 669-677.

 

6.            McGlone, F., J. Wessberg, and H. Olausson, Discriminative and affective touch: sensing and feeling. Neuron, 2014. 82(4): p. 737-55.

 

7.            McGlone, F., et al., Discriminative touch and emotional touch. Can J Exp Psychol, 2007. 61(3): p. 173-83.

 

8.            Walker, S.C., et al., C-tactile afferents: Cutaneous mediators of oxytocin release during affiliative tactile interactions? Neuropeptides, 2017. 64: p. 27-38.

 

9.            Walker, S.C., et al., Vicarious ratings of social touch reflect the anatomical distribution & velocity tuning of C-tactile afferents: A hedonic homunculus? Behav Brain Res, 2017. 320: p. 91-96.

 

10.          Abraira, V.E. and D.D. Ginty, The sensory neurons of touch. Neuron, 2013. 79(4): p. 618-39.

 

11.          Musial, F. and T. Weiss, The healing power of touch: the specificity of the 'unspecific' effects of massage. Forsch Komplementmed, 2014. 21(5): p. 282-3.

 

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